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Das World Cup Wonder. Was hat die Fußball-WM, was Trump irritiert?

Große Sportevents finden seit Jahrzehnten fast nur noch in sinistren illiberalen Demokratien statt, in denen Vorbehalte gegenüber teuren und wenig umweltbewussten Veranstaltungen keine Rolle spielen. So war es 2018 bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland und vier Jahre später beim Weihnachts-World-Cup in Qatar. Und jetzt die XXL-WM in den USA, Mexiko und Canada. Die Befürchtung: der orangene Autokrat Trump würde jetzt den Fußball schamlos für die Darstellung seiner eigenen Großartigkeit missbrauchen. 

 

Doch die Kicker-WM, so viel lässt sich nach den ersten zwei Wochen sagen, entwickelt hier und dort eine bemerkenswerte Eigendynamik und die Vereinigten Staaten erfreuen mit überraschendem Willkommens-Charme. Ein Grund dafür: Trump, der während seines Besuchs der NBA-Basketball-Finals in seiner Heimatstadt New York gnadenlos ausgepfiffen wurde, meidet die Spiele. Der US-Präsident, dem manche ein feines Gespür für Stimmungen attestieren, mag wohl gemerkt haben, dass die befürchteten Protzspiele handstreichartig von den Menschen (Gastgeber, Gäste, Sportler, Fans...) für ihre eigenen Vergnügungs- und Vergemeinschaftungsbedürfnisse angeeignet wurden. 

 

Selbstironischer Patriotismus statt verbissenem Nationalismus... Was Trump mit Neid und Missgunst beobachten dürfte: Fußball als die globale Spaß-Währung schlechthin transportiert einen harmlosen und witzigen Schlachtenbummler-Patriotismus. Nichts zu spüren von verbissenem Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Seit norwegische Fans in Boston die Treppen zur U-Bahn hochruderten und selbst das norwegische Parlament den „Viking Row“-Choral nach seiner Sitzung aufführte, war klar, dass bei dieser WM Chauvinismus eher durch absurden Humor á la Monty Pythons ersetzt wird. (Deutsche Fans sollten sich ein Beispiel nehmen und endlich das bekloppte „Sieg!“-Gebrüll beenden.) 

 

Der Boston Globe widmete den schottischen Fans, der grandiosen Tarten Army (man darf hier ebenfalls an Monty Pythons denken), eine ganze Seite des Danks für ihre freundlich-angetrunkene Eroberung der Stadt. Die kernig-nonbinären Männer und Frauen in Röcken kickten mit Kindern in der Bostoner Innenstadt, halfen älteren Damen über die Straße und „tranken dabei die Stadt aus“.

 

Willkommenskultur in der reaktionären Provinz... Was zusätzlich zu der Nordamerika-weiten Feierstimmung beigetragen hat, ist die Tatsache, dass sich die meisten der Teams mit ihren Trainingscamps in der Provinz und in kleinen Städten niedergelassen haben und dort von den Bewohnern gefeiert und angefeuert werden, als würden sie zur eigenen Community gehören. Unerwartete US-Willkommenskultur in der ach so rückwärtsgewandten US-Provinz. Mitfavorit Spanien trainiert in Chattanooga, tief in Tenessee. Die Norweger in Greensborough und Deutschland in Winston-Salem, beides im ländlichen North Carolina. 

 

Erfolgsformel wird greifbar: USA ist ein Einwanderungsland... Womöglich noch wichtiger für die gute Stimmung: Migrant:innen nutzen die WM als fröhlich-versöhnende Plattform. Die USA ist (und bleibt) ein Einwanderungsland. Das ist sie seit mehr als 130 Jahren so und hat dem Land zu unvergleichlichem Wohlstand verholfen. Migrant:innen, sei es aus Jordanien, dem Iran oder Ecuador, sprechen vom „proudest moment of their live“, wenn sie, längst US-Bürger:innen geworden, ihrem Herkunftsland auf dem grünen Rasen in den Stadien zuschauen. Trumps faschistoide Schlägertruppe ICE wirkt in diesen Tagen mithin wie eine überspannte Albtraumsequenz aus einem postapokalyptischen Film (was sie aber leider nicht ist). 

 

Fazit 

 

Entgegen vielen Bedenken verfestigt sich der Eindruck: Die Welt kommt zusammen bei der XXL-WM und feiert eine Party. Popkultur funktioniert noch immer. 

 

Popkultur ist Populärkultur, d.h. sie spricht den Normalbürger in seiner Alltagsrealität an – um diese Alltagsrealität zu relativieren, ein bisschen zu verschönern, gerne auch um sie vorübergehend auszublenden. Popkultur ist simpel, einladend, gemeinschaftsbildend und adressiert die breite Masse, ohne zu belehren oder populistisch zu manipulieren. Popkulturell hat Fußball offenbar nach wie vor seinen Platz, weil er – trotz beispielloser Überkommerzialisierung – die Bedürfnisse der Menschen erreicht. 

 

Ausgerechnet der Fußball mit seinem korrupten Weltverband FIFA! Der subversive und verbindende Charakter von Popkultur – so lautet meine Halbzeitbilanz der WM - ist nach wie vor lebendig und entwaffnet teilweise auch Desinformation und den Appell an niedere Instinkte (SocialMedia) zu entwaffnen.