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Präzisionslandwirtschaft verschiebt ihren Fokus

Quelle: Hannah Ritchie: Hoffnung für Verzweifelte
Quelle: Hannah Ritchie: Hoffnung für Verzweifelte

Landwirtschaft ist umzingelt von allen Risiken, die sich spätestens seit der Corona-Pandemie auftürmen und wie eine bedrohliche schwarze Wolke kumulieren. Die Pandemie legte die Verletzlichkeit der globalen Lieferketten offen, Putins völkerrechtswidriger Angriff auf die Ukraine führte zu vorübergehenden Rohstoffknappheiten und internationaler Lebensmittel-Inflation. Donald Trump völkerrechtswidriger Angriff auf den Iran hat gerade in Asien zu weiteren Preisschüben und katastrophalen Knappheit geführt. Und mittlerweile lässt sich gut quantifizieren, welchen Einfluss der Klimawandel mit Bodenversalzung, Dürren, Extremwetter und anderen Naturkatastrophen. 

 

Was die Chemikalisierung der Landwirtschaft angeht, gibt es eine überraschend erfreuliche Nachricht. Aktuelle Zahlen belegen, dass der Höchststand der Düngemittelnutzung unmittelbar bevorsteht. Ohne die Einführung von Kunstdünger Mitte des 20. Jahrhunderts wäre die Weltbevölkerung nur etwa halb so groß. Tatsächlich, schreibt die britische Klimaexpertin Hannah Ritchie, könne die Welt nicht komplett „bio“ werden, denn für zu viele Menschen hängt das Leben von Düngemitteln ab. Allerdings können und sollten viele Länder ihren Düngereinsatz reduzieren, ohne die Nahrungsmittelproduktion zu beeinträchtigen, doch das geht nicht überall.

(Vgl. Ritchie, Hannah. Hoffnung für Verzweifelte: Wie wir als erste Generation die Erde zu einem besseren Ort machen | Faktenbasierte und optimistische Lösungsansätze für den Klimawandel, S. 158-159.)

 

Dabei haben wir die Grundlagen der Lebensmittelproduktion zuletzt Mitte des 20. Jahrhunderts überarbeitet - nicht unbedingt in eine förderliche Richtung. Denn die Neuorientierung nach dem 2. Weltkrieg bestand vor allem in der Industrialisierung der Landwirtschaft, der Architektur volatiler Lieferketten und der Durchsetzung der Massentierhaltung. 

 

Zu Beginn der q2020er Jahre setzte die Katastrophe der Pandemie paradoxerweise eine Welle an Investitionen in landwirtschaftliche Hightech in Gang. Genauer betrachtet war das auch gar nicht so paradox, denn kollektive Krisenlagen führen häufig zu technologischen Aufbrüchen. Die weltweiten Investitionen in Agrar- und Lebensmitteltechnologie sind 2021 infolge der COVID-19-Pandemie sprunghaft angestiegen, von 22 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 auf einen Höchststand von 55 Milliarden US-Dollar. Immer mehr Risikokapital wandert in die Landwirtschaft, dieser Trend ist nicht mehr zu leugnen. Doch es könnte deutlich mehr sein. 2024 flossen gerade einmal 1,3 Prozent des weltweiten Risikokapitals in Agrartechnologieunternehmen, obwohl die Landwirtschaft etwa vier Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht 

 

Strategische Anpassung lautet jetzt das Zauberwort: Der Fokus in der Nachhaltigkeit verschiebt sich aktuell von ‚Wir sollten auf unsere Umwelt achten‘ hin zu ‚Die Preise werden aufgrund des Klimawandels explodieren‘. Und Innovationen in der Forschung verschieben sich von grundlegendem Klimaschutz auf die Klimaanpassung. 

 

Einige Beispiele: 

 

• Alte Kartoffeln sind zukunftsfähig: Ein Team der niederländischen Universität Wageningen domestiziert die Aardaker (Knollen-Platterbse), eine wilde „Proteinkartoffel“, die das Potenzial besitzt, ein Vielfaches an Protein pro Hektar im Vergleich zu Sojabohnen zu liefern. Die Aardaker, die nussig schmeckt und an eine Mischung aus Kartoffel und Esskastanie erinnert, wird heute hauptsächlich wild gesammelt, im 18. Jahrhundert wurde sie jedoch in den Niederlanden kommerziell angebaut. 

 

• Quinoa als individualisierbarer Aminosäuren-Booster: Radicle Crops ist ein weiteres niederländisches Start-up, welches die Nützlichkeit von Quinoa steigern möchte. Quinoa ist eine proteinreiche Nutzpflanze, die zudem alle neun essenziellen Aminosäuren enthält, die der menschliche Körper benötigt, aber nicht selbst herstellen kann. Das Unternehmen entwickelt gerade klimaresistente Sorten, die an verschiedene Umgebungen angepasst sind, und hat mit der Markteinführung einer Hybridsorte begonnen, die laut eigenen Angaben 25–45 Prozent mehr Ertrag als bisherige Sorten liefert und sich besser gegen Unkraut behauptet.

 

• Klimaangepasstes Saatgut für jede Gelegenheit: Das Hamburger Unternehmen Soilytix analysiert die DNA von Mikroorganismen in Bodenproben und identifiziert Krankheitserreger. Anschließend nutzt Soilytix diese Informationen, um Landwirten Empfehlungen für die Auswahl des passenden Saatguts für die jeweiligen Parzellen zu geben und ihnen Hinweise zur Anpassung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes an die Wachstumsbedingungen zu liefern. 

 

• Mit KI gegen Mehltau und Grauschimmel: Das italienische Unternehmen EVJA nutzt feldbasierte Sensoren, um Daten zu den lokalen Umweltbedingungen zu erfassen. Diese Daten fließen anschließend in ein KI- Modell ein, das Vorhersagen zum Risiko von Mehltau, Grauschimmel und anderen Krankheiten liefert. Das System prognostiziert außerdem Ernteerträge, Wasserbedarf und CO₂-Emissionen. Davide Parisi, Geschäftsführer des Unternehmens, erklärt, dass seine Kunden ihren Wasser- und Düngemittelverbrauch um bis zu 40 % reduziert und gleichzeitig ihre Erträge bei Blattgemüse, Tomaten und Kartoffeln gesteigert haben. 

 

Gerät dabei eine spektakuläre Technologie wie das Vertical Farming gleichzeitig in den Hintergrund? Nicht wirklich. Forschungszentren, wie zum Beispiel das Fraunhofer IME, arbeiten intensiv daran, die vertikale Landwirtschaft durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz, neuen Beleuchtungsmethoden und optimierter Aeroponik (Wurzeln hängen in der Luft und werden besprüht) noch rentabler und energieeffizienter zu machen. Und im Baltikum vertreibt Lidl bereits Produkte von Vertical-Farming-Anbietern wie Leafood (Microgreens und Sprossen) in seinen Supermärkten. In Schweden arbeitet Lidl mit Anbietern wie Agtira zusammen, um die Supermärkte langfristig lokal mit im eigenen Land gezüchteten Gurken aus vertikalen Hightech-Gewächshäusern zu beliefern.

 

Fazit 

Die vergangenen Monate haben gezeigt, welche politische Sprengkraft teure Lebensmittel haben (Affordability Crisis"). Zugleich braucht es noch mehr Bewusstsein, darüber, dass die Lebensmittelproduktion einer der entscheidenden Faktoren bei der Bekämpfung des Klimawandels ist. Flächennutzung und Kunstdüngereinsatz haben ihren Peak erreicht. Investoren, die jetzt in die Landwirtschaft einsteigen, treffen auf technologische Entwicklungen, die Resilienz und Klimaanpassung möglich machen und dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelpreise trotz Multikrise kalkulierbar bleiben.