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Der Longevity-Schwindel

Den Tod besiegen, hurra, wir werden alle 100, Homo-Deus-Phantasien - die Heilsversprechen der Selbstoptimierungsindustrie kennen keine Grenzen. Doch längst gibt es Peptide ohne Wirkung, absahnende Mönche, sinnlose Operationen. Und Überdiagnose avanciert zur Volkskrankheit

 

Prävention ist super, denn sie kann Krankheiten vorbeugen, Leben verlängern und die Krankenkassen entlasten. Doch momentan tendiert Prävention - unter dem Deckmäntelchen des coole Begriffes Longevity - vor allem in Richtung Profit.

 

Wir kennen es alle. Wenn das Wochenende beginnt, rücken auch auf den Seiten der renomiertesten Zeitungen und Newskanäle Gesundheits-, Psychologie- und Beziehungsthemen ganz nach oben. Gesundheit verkauft sich immer, das war schon vor 50 Jahren so. Selbst der seriöse und höchst lesenswerte „Economist“ berichtete im Sommer des vergangenen Jahres über neueste Studien, die das Nahrungsergänzungsmittel Kreatin nicht nur für Leistungssportler, sondern auch für ältere Menschen empfehlen. Die Forschungslage ist einwandfrei, Kreatin eignet sich hervorragend zum Muskelaufbau, weil es die Menge an in Muskeln speicherbarem Phosphokreatin erhöht. Außerdem zeichnet sich ab, dass Kreatin auch die Hirntätigkeit verbessert, da Neuronen und Muskelzellen den gleichen Energielieferanten (Adenosintriphosphat, ATP) benutzen. 

 

"Wolverine" ist der nächste heiße Scheiß - wirkt aber nicht

 

Anhänger des Langlebigkeitswahns spritzen sich Peptide, Aminosäureketten, die seit Jahrzehnten in der Medizin eingesetzt werden, aber nun in ihrer unregulierten Form immer beliebter werden. Peptide wie Insulin und GLP-1 sind zugelassen und bemerkenswert wirksam. Aber beispielsweise für die Anwendung von „Wolverine“ (wissenschaftlicher Name BPC-157), einem Peptid, das laut einigen Influencern die Kollagenproduktion ankurbelt und die Heilung von Sehnen und Bändern fördert, gibt es keine evidenzbasierte Wirksamkeit. Trotzdem kann es in den USA online bestellt werden.

 

Der Markt für Produkte und Angebote rund um das Thema Longevity ist schon jetzt milliardenschwer. Laut Schätzung von Zion Research, die dabei einen Fokus auf Anti-Aging legen, stand der Markt 2020 für weltweit knapp 112 Milliarden US-Dollar Umsatz. Bis 2028 soll er – angetrieben vom US-Markt – um jährlich mehr als vier Prozent auf dann 163 Milliarden US-Dollar anwachsen.

 

Selbstoptimierungs-Freaks experimentieren mit Medikamenten wie Rapamycin, einem Immunsuppressivum, das nach Organtransplantationen verschrieben wird. Fragwürdige Gesundheitsexperten behaupten, ohne überzeugende Studiendaten an Menschen vorzulegen, dass Rapamycin die Zellalterung aufhält. Ob diese Behauptungen stimmen oder nicht, ist keineswegs bestätigt. Wissenschaftler weisen indes darauf hin, dass Rapamycin ein erhöhtes Risiko für Infektionen und Krankheiten mit sich bringt.

 

Überdiagnose avanciert zur Volkskrankheit - sinnlose Operationen zum Lebensrisiko der Selbstoptimierer

 

Ganzkörper-MRTs geraten langsam aber sicher zu drogenähnlichen Tripps für Fitnessfreaks, die den Tod besiegen wollen. Immer intensivere Vorsorgeuntersuchungen, insbesondere Ganzkörper-MRT-Scans, die viele Langlebigkeitskliniken als Instrument zur Früherkennung von Krankheiten und damit zur Lebensverlängerung bewerben, werden zu Bestandteilen von Wellness-Programmen. Die medizinische Indikation ist höchst fragwürdig. Und warum sollten Krankenkassen teure MRT-Scans aus Lifestyle-Gründen bezahlen? 

 

Aus einem weiteren Grund ist das nicht ganz unproblematisch: MRT-Scans zeigen routinemäßig anatomische Veränderungen, die ein normaler Bestandteil des Alterungsprozesses sind. Studien legen nahe, dass die überwiegende Mehrheit der Erwachsenen ab dem mittleren Alter beispielsweise Risse oder Knorpelveränderungen in den Knien oder Sehnenverletzungen in den Schultern aufweist. Kein Grund für ein MRT. Auch Leber- und Nierenzysten sind häufig in MRT-Scans zu sehen, insbesondere bei Menschen über 50, die meisten sind klinisch unbedeutend. Sie sind so häufig, dass Forscher sie als Inzidentalome, nicht-krankhafte Zellbildungen, bezeichnen, die ungefährlich sind - aber Panik und Aktionismus bei Patient:innen auslösen. Unter dem Trendeinfluss von Longevity und Selbstoptimierung wird dann ein fragwürdiger Automatismus in Gang gesetzt: Seit solche Befunde im MRT nachgewiesen werden, ist die Zahl der sinnlosen Operationen drastisch angestiegen. Sobald eine Leberläsion im MRT sichtbar ist, wird panischen Patienten immer häufiger zu einer Leberbiopsie geraten – ein Eingriff mit einem Risiko von immerhin 2,4 Prozent für schwerwiegende medizinische Komplikationen.

 

War der Wellness-Guru wirklich ein Mönch?

 

Ein Wellness-Guru wie Jay Shetty ist gerade dabei, ein gigantisches Medienunternehmen um seine Selbstoptimierungsphilosophie zu errichten. Im Gespräch mit der „New York Times“ ringt er damit, wie er spirituelles Mönchsein mit Big Business in Einklang bringen soll. Wahrscheinlich geht das schlicht nicht. Doch die Selbstoptimierungs-Millionen müssen fließen. Shetty gelang mit "Instagram-Yoga" während der Corona-Pandemie ein Welterfolg. Längst gibt es zahlreiche Vorwürfe, er habe fremde Inhalte ohne Zustimmung oder Quellenangabe verwendet und Details über seine Vergangenheit als Mönch verfälscht. Shetty ist bei Weitem nicht der erste Selbsthilfe-Guru, der seine spirituellen Qualifikationen aufpoliert, um Anhänger zu gewinnen, doch er verlangt horrende Summen für seine Ratschläge. 

 

Longevity? Machen wir seit 150 Jahren

 

Jedem sei die Ausgestaltung seines Wohlbefindens selbst überlassen. Witzigerweise hat die moderne Medizin jedoch längst erreicht, was die heutige Langlebigkeitsbewegung verspricht. In den letzten 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung weltweit mehr als verdoppelt. Sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen, Antibiotika und Impfungen haben die Lebenserwartung deutlich stärker verlängert als jede Nahrungsergänzung. Kalte Bäder und rotes Licht mögen sich zwar beflügelnd anfühlen, doch es gibt kaum Beweise dafür, dass die heutigen Biohacking-Methoden die maximale Lebensspanne des Menschen nennenswert verlängern.

 

Bevor wir den Tod besiegen, lassen sich die wolkigen Versprechungen der Longevity-Gurus mit einigen simplen Lebensweisheiten kontern: Täglich bewegen, die Muskeln dreimal wöchentlich mit Gewichten oder Übungen mit dem eigenen Körpergewicht trainieren. Vorzugsweise Lebensmittel konsumieren, die wir in der Natur vorfinden, und sich ausreichend Schlaf gönnen. Ganz wichtig: Stets soziale Kontakte durch Aktivitäten mit Freunden und in der Nachbarschaft pflegen. Ein solches Programm bewahrt uns zwar nicht vor dem Tod. Aber es ist kostenlos. Es ist wissenschaftlich belegt. Und es hilft nachweislich schon jetzt, ein gesundes Leben zu führen.