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Zukunft der Landwirtschaft: Mit Digitalisierung, Geomorphologie und Pferdestärken

Europa erwärmt sich unter allen Kontinenten am schnellsten. Besonders für die Landwirtschaft sind die Konsequenzen erheblich. Der Zugang zu Wasser ist längst ein politischer Faktor. In Europa könnte die Agrartransformation zu erheblichen Verwerfungen führen. Das Positive: Die Maßnahmen gegen den Wassermangel sind erfreulich vielfältig und reichen von Hightech-Nutzung bis zur Wiederentdeckung uralter Prinzipien. 

 

Am Fuße des Pico de Europa, westlich von Bilbao und nur wenige Kilometer vom Atlantik entfernt, wird endlich auf die Herausforderung durch Klimawandel und Wasserknappheit reagiert. Noch vor einigen Jahren galt das Prinzip Bewässerung durch Überflutung. Die Schleusen öffneten sich und das gestaute Wasser wurde auf die Pflanzen losgelassen. Als noch ausreichend Wasser vorhanden war, stellte keiner die Frage, was die Wassermengen mit dem Saatgut und dem Dünger anstellten. Es funktionierte ja irgendwie.

 

1. Precision Farming: Wassersparen erhöht die Produktivität 

 

Doch der Wassernotstand machte ein Umdenken unausweichlich. Untersuchungen ergaben überdies, dass durch die Flutung der Felder rund die Hälfte der ausgebrachten Nitrite bei den Pflanzen nicht dort landeten, wo sie für besseres Wachstum sorgen. Und die Landwirte erkannten: weniger Wasser gezielt eingesetzt ist machbar und sorgt für enorme Kosteneinsparungen. Mittels Tröpfchenbewässerung über unterirdische Faserrohre und jede Menge digitaler Technologie (bis hin zu neuester Vorhersage-Software und Satellitenbildern, die den Vegetations-Index der Pflanzen berechnen) wurden Einsparungsquoten von mehr als einem Drittel erzielt. 

 

Statt 12.000 Kubikmeter Wasser pro Hektar werden pro Jahr jetzt nur noch 4.500 Hektar benötigt. Was in einem Jahr verbraucht wurde, reicht jetzt für drei. Die Ernteerträge gingen keineswegs zurück, bei Mais ließen sich die Erträge gar verdoppeln. Ein Hauptgrund dafür: Der Dünger gelangt jetzt dorthin, wo er gebraucht wird und wird nicht durch die Wasserfluten weggespült. 

 

Precision Farming ist schon seit einiger Zeit das Mittel der Wahl südlich der Pyrenäen. Die dortigen Bewässerungsgenossenschaften geraten durch die Nachhaltigkeitsanforderungen der Regierung immer mehr unter Druck; 50 Prozent des knappen Gutes Wasser sollen künftig eingespart werden. Können sich Landwirte hierzulande im Boden auf eine Humusschicht von acht bis zehn Zentimeter verlassen, sind es in Spanien häufig gerade einmal ein bis zwei Zentimeter. 

 

2. Mit Agroforsten gegen Trockenheit

 

In Brandenburg gibt es viele sehr große Betriebe (5.400 Betriebe, Durchschnittsgröße: 242 Hektar https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/008-2024), was den Umgang mit der landwirtschaftlichen Transformation nicht einfacher macht. Hohe finanzielle Risiken in Millionenhöhe sind keine Seltenheit. Doch es zeigt sich, dass gerade kleinere Betriebe beim Thema Klimaanpassung besser, weil flexibler aufgestellt sind. Und Flexibilität bedeutet tatsächlich: Technologieoffenheit.

 

Vertrauen in modernste Technologien ist dabei nur das eine. Überraschende Erkenntnisse, die die Landwirtschaft zukunftsfähig machen, entstehen aber auch auf anderen Gebieten. Angesichts des Klimawandels könnte es sich unter anderem als sinnvoll erweisen, genauer über landschaftliche, man könnte auch sagen: geomorphologische Gegebenheiten nachzudenken. Resilienz hierbei dadurch, dass die vorhandene Fläche nicht primär betriebswirtschaftlichen Output-Anforderungen unterworfen wird. Es wird zunächst gefragt, wie sich die Gegebenheiten der Landschaft den sich wandelnden klimatischen Bedingungen anpassen lassen. Landschaft wird so aktiv in die agrarische Produktion eingebunden. 

 

Agroforstwirtschaft ist beispielsweise ein uraltes geomorphologisches Prinzip, das im Nachkriegsdeutschland (in der Bundesrepublik wie in der DDR) jedoch nicht in die kurzsichtige Bodenoptimierungspolitik passte. Gegen die Frühjahrstrockenheit, wie sie in Brandenburg immer mehr zum Problem wird, bieten sich diese kleinteiligen Lösungen an, die den vorhandenen Baum- und Heckenbestand einbinden.  Denn Bäume und Hecken, insbesondere an hügeligen Wiesen, so hat man herausgefunden, ziehen in den Boden feste Wurzeln ein und reduzieren die Wasserverdunstung um 30 Prozent. Einige wenige Landwirte in Brandenburg nutzen bereits die Prinzipien der Agroforste: immerhin 3.000 Hektar von insgesamt 1,3 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche. Es sind mitunter uralte Praktiken und Techniken, die angesichts des Klimawandels zu Zukunftstrends, sei es auch nur in einer Nische, avancieren. Und es klingt kitschig romantisch, aber hierbei kommen auch wieder Pferde zum Einsatz, die, im Unterschied zum schweren landwirtschaftlichen Gerät, den Boden locker halten.  

 

Alles das folgt dem sogenannten Keyline Design, einem Konzept, das im niederschlagsarmen Australien entwickelt wurde. Natürlich geht es auch hier um die Optimierung von Wasserressourcen. Bei der Umsetzung werden Gebiete anhand ihrer Geomorphologie analysiert, um zu erkennen, wie sich Wasser in ihnen bewegt und verteilt. Auf dieser Grundlage lassen sich Bearbeitungs- und Pflanzmuster erstellen, die sowohl Oberflächen- als auch Bodenwasser entlang der Geländekontur leiten können, so dass es besser aufgenommen, verteilt und gespeichert wird. Entwickelt hat dieses Verfahren der australische Landwirt und Ingenieur P. A. Yeomans in seinen Büchern „The Keyline Plan“ (1954), „The Challenge of Landscape, Water For Every Farm und The City Forest“.

 

3. Transgener Aufbruch ein weiteres Mal verschoben

 

Transgene Pflanzen, bislang in den meisten EU-Ländern verboten, werden eine wichtige Rolle spielen. Krisengeplagte Bauern in Südspanien sehnen die Möglichkeiten der biotechnologischen Optimierung des Saatguts herbei. Die EU kann sich einstweilen nicht durchringen, die Produktion von transgenen Pflanzen zu erleichtern. Ein Argument dafür: Seit Jahren wird von dem Potenzial transgener Pflanzen geredet, konkrete Produkte, Züchtungserfolge und realistische Einführungsszenarien fehlen bislang jedoch. Während die EU-Kommission das Tor zur Züchtung von klimaresistenten Pflanzen (Voraussetzung: kein Einbau von artfremdem Genmaterial) weiter geöffnet hat, kann sich die Politik auf keine konkrete Umsetzung einigen. Deutschlands Stimmenthaltung im EU-Rat hat weitere Beschlüsse vorerst blockiert. Hintergrund hierfür ist der Konflikt zwischen dem FDP-Forschungsministerium, das pro Gentechnik votiert, und dem grünen Landwirtschaftsministerium, das durch eine weitere Liberalisierung der Gentechnik einen milliardenschweren Markt wie die Biolandwirtschaft existenziell gefährdet sieht.

 

Fazit 

 

In Spanien waren im regenarmen Sommer 2023 regelrechte Schlachthöfe von Avocadoplantagen zu sehen. Landwirtschaft wird sich in einigen Gebieten Südspaniens mittelfristig nicht mehr lohnen. Dagegen könnten gemäßigtere Zonen wie Deutschland, Polen und Benelux schon bald zu optimalen Bewirtschaftungsflächen für Obst und Gemüse werden. Doch nicht nur in Spanien wird sich für viele Landwirte die Frage stellen, ob sich die Viehzucht (nicht zuletzt aufgrund des enormen Wasserverbrauchs) überhaupt noch lohnt.

 

Europaweiter Wissensaustausch wird bei dem hochkomplexen Transformationsgeschehen in der Landwirtschaft wichtiger denn je. Spitzentechnologien ebenso wie geomorphologische Konzepte sollten vor allem dort zeitnah eingeführt werden, wo die Not am größten ist – im Süden Europas. Die relevantesten Agrartrends müssen gerade dort dafür sorgen, dass wirtschaftliche Katastrophen verhindert werden und eine sozial-ökologische Klimafolgenanpassung rechtzeitig geschieht.