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10 Wege in eine gute Zukunft (Auszug aus der Einleitung von "Das neue grüne Zeitalter")

Mit den zehn Handlungspfaden dieses Buches möchten wir Lust auf diese große Transformation machen. Wir möchten ein Bewusstsein dafür schaffen, dass ab jetzt nicht Schluss mit lustig ist. Wir stehen nicht am Beginn einer Ökodiktatur, wie von konservativer Seite immer gerne ins Spiel gebracht. Mit dem Green New Deal, wie er seit Beginn des Jahres 2021 Konturen annimmt, treten die USA und Europa (wieder) als Schrittmacher für das Projekt einer 4. Industriellen Revolution auf.

 

Selbstverständlich sollten wir unseren Fleischkonsum reduzieren, nachhaltiger einkaufen und wieder mehr selbst kochen – aber die kaputte Lebensmittelindustrie verändern wir nur, wenn wir auf politischem Wege eine Veränderung des Systems herbeiführen. Natürlich können wir versuchen, unsere Mobilität einzuschränken und in Zoom-Konferenzen in Kontakt zueinander treten – als Gesellschaft und politische Menschen können wir in den nächsten Jahren darauf hinwirken, dass wir uns als Gesellschaft von einer überholten Fortbewegungsform wie der privaten Pkw-Mobilität verabschieden – wer würde heute eine klimaschädliche Mobilitätsoption wie den Pkw einführen, in dem deutschlandweit pro Jahr mehr als 1.100 Menschen sterben?! 

 

Wir müssen in den kommenden Jahren eine kollektive Anstrengung unternehmen. Kriegsmetaphern sind eher unangebracht. Die Formulierung von Angélica Navarro Llanos, bolivianische Klimaunterhändlerin beim Pariser Klimaabkommen 2015, trifft es sehr gut: „Wir brauchen eine Massenmobilisierung in nie gekanntem Ausmaß. Wir brauchen einen Marshallplan für die Erde. Er muss alle Länder mit Technologien versorgen, um sicherzustellen, dass die Emissionen gesenkt werden und der Lebensstandard der Menschen gleichzeitig gehoben wird.“   

 

Im Grunde müssen wir eine neue Fortschrittsidee entwickeln, bei der entscheidende Größen wie Natur und Technologie, aber vor allem wir als Individuen einen neuen Ort, neue Verantwortlichkeiten zugewiesen bekommen. Für die Anforderungen des Green New Deals müssen wir bis auf die philosophischen Grundlagen unserer Gesellschaft zurückgehen. Wir müssen langfristige Megatrends, steil aufsteigende Technologietrends und fluktuierende kulturelle Praktiken überprüfen, die für das Leben in einer freiheitlichen Gesellschaft so eminent wichtig sind. Vor allem sollten wir im 21. Jahrhundert eine moralische Fortschrittsidee verfolgen. Ohne sie werden wir mit der Rettung der Welt keinen Schritt weiterkommen. 

 

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel erklärt vollkommen zurecht: „Gibt man die Idee auf, dass der demokratische Rechtsstaat daran beteiligt werden sollte, moralischen Fortschritt zu begünstigen und in der Revision von Paragrafen oder mittels neuer Rechtssysteme  (etwa zur Regelung der Digitalisierung) selbst moralischen Fortschritt zu spiegeln, kann man die Moderne und damit den demokratischen Rechtsstaat gleich mit verabschieden, da dieser nicht darauf reduziert werden kann, bloß bestimmte Wahlvorgänge und -verfahren zu definieren.“ 

 

Entsprechend bewegen sich die Kapitel der vorliegende Untersuchung entlang solch vielfältiger Themenstränge wie Kap1: Freiheit und Verantwortung; Kap 2: Mensch und Natur; Kap 3: Technologie und Gesellschaft; Kap 4: Information und Desinformation; Kap 5: Mobilität und Digitalisierung; Kap 6: Urbanität und Teilhabe; Kap 7: Demokratie und Datensouveränität; Kap 8: Ernährung und Effizienz; Kap 9: Landnutzung und Technologie; Kap 10: Regionalität und Modernisierung. Stets geht es darum, soziale, ökonomische und ökologische Bedingungen für die Umsetzungen eines Green New Deal im Sinne einer großen Transformation für die Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu analysieren. 

 

1. Freiheit zum Konsum oder Befreiung vom Konsum? In Kapitel 1 beleuchten wir, was Freiheit für uns bislang bedeutet hat und was Freiheit in der Welt von morgen bedeuten kann. Wichtig ist die Beobachtung, dass uns bislang vor allem Ideologien (Marktgläubigkeit, Deregulierung, Beseitigung von Handelshemmnissen, Schutz privater Kapitalrechte, schlanker Staat, Steuersenkungen) und die Angst, etwas Überlebenswichtiges zu verlieren, so dass einem den Boden unter den Füßen weggezogen wird, im Weg gestanden haben. Diese Ängste knüpfen sich zum einen an die monströsen Folgen, die mit dem Klimawandel einher gehen könnten. Viele Ängste, das versuchen wir an einem irritierenden Phänomen wie den sogenannten „Querdenker“-Demonstrationen nachzuweisen, gehen zurück auf die Demoralisierungen durch die Weltwirtschaftskrise zwischen 2007 und 2008. Die vergangenen 40 Jahre waren geprägt von „expressivem Individualismus“ und der „Priorisierung des inneren Selbst“. Aber was passiert in einer Gesellschaft, für die Freiheit „schlicht die Fähigkeit (ist), seinen eigenen Wünschen und Leidenschaften ungehindert durch äußere Zwänge nachzugehen“, wenn sie sich an planetaren Grenzen orientieren muss?

 

2. Wie können wir ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur entwickeln? Nur wenn es uns gelingt, Auswege aus der Konsumgesellschaft zu definieren kann ein Green New Deal erfolgreich sein. Dafür müssen wir das Jahrhunderte währende Herrschaftsverhältnis gegenüber der Natur aufgeben. Das klingt komplizierter als es ist. Länder wie Dänemark und Costa Rica haben dabei bereits wichtige Schritt unternommen. Das zentrale Projekt, um in ein regeneratives Kooperationsverhältnis mit der Natur zu treten, ist der Umbau unseres Energiesystems. Zunächst müssen wir uns das Paradox vor Augen führen, dass wir insbesondere in der Massenkonsumgesellschaft des 20. Jahrhunderts so gelebt haben, als stünde Natur als unerschöpfliches Ressourcenreservoir zur Verfügung. Diese irregeleitete „Freiheit zum Konsum“ hat jedoch offenbar dazu geführt, dass Natur kompromisslos zerstört wurde und als sterbende Natur jetzt unsere eigene Existenz bedroht. Ein versöhnendes Verhältnis zur Natur lässt sich wahrscheinlich nicht damit beginnen, dass wir der Natur eigene Rechte zugestehen; das ist eine sehr westliche Umgehensweise mit dem Problem. Eine neue Beziehung zur Natur werden wir nur dann aufbauen können, wenn wir begreifen, dass Natur (Kultur übrigens auch) uns selbst hervorbringt und wir eigentlich nur dann kreativ werden, wenn wir uns bewusst machen, dass Natur uns hervorbringt. 

 

3. Welche Aufgaben hat Technologie in Zeiten des Klimawandels? Kapitel 3 beschäftigt sich konsequenterweise mit der Übertragung dieses neuen Naturverständnisses in die Sphäre der Zukunftstechnologien. Um den Green New Deal umsetzen zu können, müssen wir auf Technologien zurückgreifen, die die planetaren Grenzen akzeptieren und uns bis spätestens 2050 in die Lage versetzen, komplett CO2-frei zu produzieren. Um diese anspruchsvolle Vision in die Tat umsetzen zu können, ist die Rolle des Staates und internationaler Regierungsinstitutionen von großer Bedeutung. Sie müssen künftig als Trendinkubatoren und als Risikoabsorptions-Agenturen auftreten. Also auch auf dem Gebiet der Technologien geht uns um alternative Kooperationsverhältnisse: Der Staat lenkt die Entwicklung zukunftswichtiger Technologien – in enger Abstimmung mit Zivilgesellschaft, Forschung und Wirtschaft. Staaten und supranationale Organisationen treten dabei nicht als Konkurrenten der Unternehmen auf – sie erschließen ganz im Gegenteil neue Technologiefelder, gewährleisten die Grundlagenforschung (was sie schon immer getan haben) und schaffen damit idealerweise neue Wachstumsmärkte für Unternehmen. Im Vordergrund steht bei diesem technologischen Aufbruch nichts weniger als die Dekarbonisierung der Industrie und eine zweite Elektrifizierung unseres Lebens.

 

4. Wie wir dem epistemischen Delirium der Desinformation entkommen? Donald Trumps Versuch, die US-amerikanische Demokratie zu zerstören, fußte auf einem riesigen Lügengebäude. Noch viel schlimmer ist, dass Trump und seine Spindoctors versuchten, unser Realitätsmodell zu zerstören, das auf Fakten und das vernunftorientierte Abwägen von Tatsachen im wissenschaftlichen Diskurs beruht. Desinformation...Dafür muss der „mächtigste Mensch der Welt“ einfach nur relevante Teile der Realität, wie beispielsweise der Klimawandel, systematisch ausblenden und leugnen. Trump war indes nicht der erste Klimaleugner. Er konnte sich am Vorbild der internationalen Erdöllobby orientieren; dort ist die Leugnung des Klimawandels seit Jahrzehnten Bestandteil der Desinformationspolitik. Alles das wäre ohne Twitter und Facebook nicht möglich gewesen. Deswegen untersuchen wir in Kapitel 4, wie es passieren konnte, dass der Aufbruch in die Informationsgesellschaft mit der bitteren Landung in der Aufmerksamkeits-Ökonomie zwischen SocialMedia, Hatespeech und Fox News enden konnte. Für den Green New Deal müssen wir einen alternativen Umgang mit Tatsachen und Informationen entwickeln. Eines wird schnell klar, die „Infodemie“ speziell zum Thema Klimawandel lässt sich nicht einfach durch ein gut gemeintes Feuerwerk an Daten und Fakten beseitigen. Ein „mediales Ökosystem der Verantwortung“ setzt alternative Geschäftsmodelle, smarte Regulierung und eine nicht naive Medienpädagogik voraus. Vor allem darf „Informieren über den Klimawandel“ nicht heißen, dass wir nur Desaster-Kommunikation, „Doom and Gloom“ betreiben. Klimawandel muss als reales Phänomen gezeigt werden, das Mensch bereits in vielen Regionen der Welt konkret betrifft. Und es sollte mit Empathie gezeigt werden, wie die Menschen nach Lösungen suchen.

 

5. Wie sieht die Gesellschaft nach dem Ende des Autos aus? Das Auto passt schon lange nicht mehr in die Welt des 21. Jahrhunderts. Es ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, und nicht einmal eine besonders gute. Die Möglichkeiten vernetzter Mobilität, bei denen auch das autonome Fahren eine wichtige Rolle spielt, eröffnen in den kommenden Jahren neue Freiheitsgrade in der Fortbewegung. CO2-freie Mobilität von Tür zu Tür ist nicht nur vorstellbar, sie wird auch neue Möglichkeiten der mobilen Wertschöpfung schaffen. Natürlich müssen bis dahin noch einige Steine aus dem Weg geräumt werden, unter anderem das Skandalon, dass es bislang noch kein europäisches Schnellzugnetz gibt. Funktionierende Bahnnetze und klimafreundliche multimodale Mobilität werden nicht zuletzt auch dazu beitragen, dass abgehängte Regionen wirtschaftlich neue Chancen erhalten. Eine Welt ohne individuelle Pkw-Mobilität ist ab 2030 planbar – könnte sich in einigen Jahren als Konjunkturprogramm für Privathaushalte und Kommune erweisen.  

 

6. Warum wird in Städten und urbanen Räume über unsere Zukunft entschieden? Städte (und die Idee der Urbanisierung) sind wichtige soziale Gefäße auf dem Weg in die postfossile Gesellschaft. Kürzlich gelang es 226 Lokalregierungen in Südkorea, die bis September 2020 bereits den Klimanotstand ausgerufen hatten, die nationale Regierung zu verpflichten, sich spätestens bis 2050 zur Kohlenstoffneutralität zu verpflichten. Als Teil der „Korean Local Governments' Action Alliance for CarbonNeutrality“ (Aktionsbündnis der koreanischen Lokalregierungen für Kohlenstoffneutralität) demonstrierten die Städte und Kommunen ihre einzigartige Macht. Städten, das zeigen wir in Kapitel 6, kommt bei der Umsetzung des Green New Deals eine besondere Bedeutung zu. In ihnen ist der Klimawandel längst angekommen. Auch in den USA. Laut Oberbürgermeister Buddy Dyer aus Orlando (Florida, USA), „bietet der Wandel zu einer CO2-armen Wirtschaft enorme wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten nicht nur für die Stadt Orlando selbst, sondern für die gesamte Region. Wir sehen, dass die urbane Energiewende unsere lokale Wirtschaft ankurbelt, die öffentliche Gesundheit verbessert, Umweltschäden reduziert und zudem noch sinnvolle, gut bezahle Arbeitsplätze für unsere Einwohner*innen schaffen." 

 

Städte sind entscheidende Akteure des Wandels. Zwischen Holzbauweise und Algorithmen, Cradle-to-Cradle-Architektur und Zweirad-Revolution, „20-Minutes-Neighbourhoods“ und Künstlicher Intelligenz avancieren sie zu Sinnbildern einer besseren Zukunft. Martina Otto, Head of Cities and Lifestyles bei der UN: „Es gibt ein riesiges unerschlossenes Potenzial: Wenn nationale und regionale Regierungen auf der ganzen Welt mit Städten zusammenarbeiten und diese finanziell unterstützen – können beide davon profitieren und somit nationale Klimaziele schneller erreichen. Wenn wir Städte stärken, können sie zu unserem besten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel und Luftverschmutzung werden.“  Städte und urbane Räume sind aber vor allem auch deshalb Motoren des Wandels, weil ihnen als Anker für Demokratie und Teilhabe in Zukunft besondere Relevanz zukommt.   

 

7. Wie können wir Vertrauen in einer digitalen Öffentlichkeit (wieder)? herstellen können Verlässliche Informationen und nutzbare Daten sind eine Schlüsselressource, die gerade für Städte bei der Bewältigung des Klimawandels außerordentlich wichtig sind. Doch der Umgang mit Daten wird in den kommenden Jahren praktisch auf allen gesellschaftlichen Ebenen für große Veränderungen sorgen. Gelernt haben wir auch, dass man mit Daten und Algorithmen ganze Gesellschaften spalten kann. In Kapitel 7 fragen wir deshalb, wie wir neues Vertrauen in den Umgang mit Daten gewinnen können, die ja in hohem Maße von uns Nutzern selbst erzeugt werden. Wie lässt sich mit Daten und Algorithmen neues Vertrauen in das digitale Miteinander und unsere Demokratie herstellen? Die Selbstkontrolle der Tech-Giganten ist naiv und könnte im Gegenteil zu eher mehr Zensur und Kontrolle im Netz führen. Die cyberlibertäre Hoffnung, dass sich das dezentrale Internet selbst zu einem Hafen der Demokratie und der Menschenrechte mendelt, war mindestens genauso naiv. 

 

Einzig die Datensouveränität der Nutzer bringt uns weiter. Eine öffentlich-rechtliches Facebook ist keine so abseitige Idee, externe Rätesysteme oder neue Institutionen, die die Rechte von uns Datenproduzenten vertreten, könnten ebenfalls einen wichtigen Beitrag leisten. Auf jeden Fall müssen wir der rechtlichen und steuerlichen Sonderbehandlung von BigTech ein Ende setzen. Ein Land wie Taiwan macht es vor, wie in der digitalen Welt aus Disruption Konsens werden kann. Die jungen Hacker dort arbeiten an der Demokratie wie an einer Open-Source-Software – Aktualisierungen sollten nie ausgeschlossen werden. Damit ist die Grundanatomie einer progressiven Öffentlichkeit skizziert, auf die wir nicht verzichten können, wenn wir den Green New Deal umsetzen wollen.

 

8. Was können wir dem kaputten System der globalen Nahrungsmittelindustrie entgegensetzen? Die Art und Weise, wie wir uns in Zukunft ernähren, entscheidet darüber, ob wir den Klimawandel in den Griff bekommen. Doch auch hier sollten wir nicht nur auf unseren persönlichen CO2-Fußabdruck achten. Auch hier müssen wir die Systemfrage stellen. Die fünf größten Milch- und Fleischverarbeiter der Welt stoßen zusammen mehr Kohlendioxid aus als ExxonMobil. Und die 20 größten emittieren mehr CO2 als Deutschland. Tyson Foods, die zweitgrößte Fleischfabrik der Welt, verursacht doppelt so viel Kohlendioxid wie Irland.  Hochgradig beschleunigte Lieferketten trimmen den Umgang mit unseren Nahrungsmitteln seit Jahrzehnten auf betriebswirtschaftliche Effizienz – Corona hat gezeigt, dass diese Lieferketten so volatil sind, dass sie wie ein Soufflé im Ofen zusammensinken, wenn nur ein paar Schlachthäuser Corona-Fälle melden. Das globale System der Nahrungsmittelproduktion funktioniert auf Basis von menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, Tierquälerei und der Zerstörung von Natur. 

 

Nur so lassen sich für Großunternehmen interessante Gewinnmargen erzielen. Der Umbau des Systems muss damit beginnen, dass eine handlungsfähige Ernährungs- und Gesundheitspolitik Leitplanken für die gesündere Ernährung der Zukunft konzipiert. Erst dann können die mächtigen Nahrungsmittelunternehmen neue Produktwelten gestalten, die es den Verbrauchern ermöglichen, neue Ernährungs- und Lebensstile zu entwickeln. Diese neue Normalität des Genusses ist nachhaltig, regenerativ und resilient. 

 

9. Warum braucht die Landwende einen ökologischen und technologischen Aufbruch? Mit Kapitel 9 gehen wir noch einen Schritt weiter und untersuchen die Grundlagen der Nahrungsmittelproduktion in der Landwirtschaft. Landnutzung durch den Einsatz von digitaler Technik zu ersetzen, bildet einen Schwerpunkt in diesem Kapitel. Lieferschwierigkeiten haben während der Pandemie in einem Stadtstaat wie Singapur die Befürchtungen wachsen lassen, dass die Bevölkerung nicht ausreichend ernährt werden kann. Der reiche Zwergenstaat kann nur ein Prozent seiner Fläche für Landwirtschaft nutzen. Ein Hightech-Konzept wie das Vertical Farming (Pflanzen- und Fischzucht in hochhausartigen Gewächshäusern durch die Nutzung von Wasser, Nährstoffen und jeder Menge LED-Licht) ist in Singapur mittlerweile eine hochrelevante Zukunftstechnologie. Sie soll entscheidend dazu beitragen, dass Singapur im Jahr 2030 mindestens 30 Prozent seiner Nahrungsmittel selbst erzeugt (aktuell sin es gerade einmal zehn Prozent). Die Zukunft der nachhaltigen Landwirtschaft findet statt zwischen Ökologie und Hightech statt. Fest steht, dass die globale Landwirtschaft den Wandel von der Volumen-Produktion zu den Themen Nachhaltigkeit und Gesundheit vollziehen muss. Für die Agrarproduktion speziell in den Entwicklungsländern heißt das auch, dass State-of-the-art-Technologien so schnell wie möglich verfügbar sein müssen. 

 

10. Warum wir mit der Weltrettung vor Ort beginnen sollten? „Die neue grüne Weltordnung“ soll ein Buch der Ermutigung sein und eine Aufforderung zum sofortigen Handeln. Es legt nahe, dass wir ohne die tätigen und mutigen Menschen, die häufig adressierte Zivilgesellschaft, nicht auskommen, aber ebenso müssen wir uns auf vorausschauende Unternehmer verlassen können, die es anpacken wollen, Politiker auf allen Ebenen: international, national, bis zu Bürger- und Gemeinderäten. Im Mai 2021 zog Kapstadt gegen ihre die nationale Regierung vor Gericht, um das Recht zu erstreiten, die eigene Energie erzeugen zu können, ohne dafür bei den zuständigen Ministerien eine Genehmigung einholen zu müssen. „Places matter“: Akteure vor Ort machen mobil gegen den Klimawandel. Wir haben gesagt, der Green New Deal muss uns dabei behilflich sein, Systeme in Frage zu stellen, sie zu überwinden, zu korrigieren und gegebenenfalls neue Systeme an ihre Stelle zu setzen. Das bedeutet in der Regel auch, und der Vorstoß in Kapstadt ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir die Machtverhältnisse auf der Welt verändern müssen, wenn wir in die Ära der Dekarbonisierung aufbrechen wollen. Der Green New Deal möchte die Machtverhältnisse auf dieser Welt verändern. Das klingt dramatischer als es ist. Die Revolution vor Ort beruht unter anderem auf der Schaffung von zukunftsfähigen „horizontalen Netzwerken“, denen es vor allem um eines geht: Entwicklung im Sinne der Gesellschaft vor Ort (statt dem Verbuchen schneller Gewinne). Wie wir in Kapitel 10 am Beispiel einer Genossenschaft in Cleveland, dem geduldigen Wandel der Stadt Kopenhagen, regionaler Produktion und der solidarischen Landwirtschaft zeigen werden, braucht es unter anderem pragmatischen Idealismus, lokale Datenkompetenz und „geduldiges Geld“ um die Welt nachhaltig zu verändern. 

 

Aus: "Das neue grüne Zeitalter", Redline 2021.