Trumps anarcholibertäre Politik darf nicht das einzige Szenario bleiben, wenn wir über eine neue Weltordnung nachdenken. Der Siegeszug der erneuerbaren Energien macht eine neue Weltordnung vorstellbar, bei der die Überfülle an sauberer und preiswerter Energie zu einem globalen Mindshift führt. Entscheidungen in Wirtschaft und Politik könnten in eine komplett andere Richtung gehen, wenn die Weichen nicht mehr auf Knappheit stehen.
Die erneuerbaren Energien in Deutschland sind im ersten Halbjahr 2026 in allen Sektoren gewachsen. 57 Prozent des in Deutschland genutzten Stroms stammten in diesem Zeitraum aus erneuerbaren Energien. Umweltwärme und Geothermie aus Wärmepumpen legten um 19 Prozent zu. Wärme aus Solarthermie um drei Prozent. Allein im Juni stiegen die E-Auto-Neuzulassungen um 78,2 Prozent auf 84.057 Einheiten, wodurch ihr Marktanteil auf 28,4 Prozent kletterte.
Das ist alles großartig, genügt aber nicht, um die deutschen Klimaziele zu erreichen. Ein Blick auf aktuelle internationale Entwicklungen zeigt, dass aus dem Energiehandel unter den Bedingungen von Knappheit in den kommenden Jahren ein Markt werden könnte, in dem von einer Überfülle an Strom oder so etwas wie „Strom-Wohlstand“ auszugehen ist. Energiekonzerne und Stromnetzbetreiber wären nicht erfreut, kämpfen sie doch seit 50 Jahren gegen den Siegeszug regenerativer Energien.
Vielleicht sollten wir in unserem kollektiven Mindset einfach wieder einmal den Schalter umlegen. Wie wäre es, wenn wir ab jetzt davon ausgehen, dass nicht mehr Ressourcenknappheit unser politisches und ökonomisches Handeln leitet, sondern in den kommenden Jahren ein potenzieller Reichtum an erneuerbarer Energie Grundlage für unser Denken und Handeln ist? Die Anzeichen für saubere Energie in mehr als ausreichendem Maße, Energie-Abundanz (engl. abundance für Fülle, Überfluss, Reichtum), mehren sich.
Die Energie-Supermacht Australien verfügt bereits über Strom-Abundanz
Beispielsweise Australien produziert mittlerweile so viel Solar- und Windenergie, dass diese in den Mittagsstunden verschenkt werden kann. Damit versucht die Regierung down under, die Menschen zu bewegen, einen Teil ihres Stromverbrauchs in die Mittagszeit zu verlegen. Der aktuelle Ansatz sieht vor, den Australier:innen kostenlosen Strom zwischen 12 Uhr und 15 Uhr anzubieten.
Die Ursachen für das Energiewunder? Wegen hoher Strompreise installieren Millionen Australier Solar-Dachanlagen auf ihren Häusern. Australien hat die weltweit höchste Verbreitung von Dach-Solarsystemen (Rooftop Solar) pro Kopf. Mehr als 4,3 Millionen Haushalte und Unternehmen nutzen entsprechende Anlagen, womit die installierte Leistung die der klassischen Kohlekraftwerke im Land übertrifft. Das „Solar-Sharer“-Programm startete am 1. Juli 2026, um das Überangebot an Solarstrom in sonnenreichen Stunden sinnvoll zu nutzen und das Stromnetz zu entlasten.
Einstmals eine Superpower der Kohleförderung, träumt Australien nunmehr davon, zu einer Cleantech-Supermacht aufzusteigen. Das Potenzial dafür besteht u.a. darin, saubere Energie für die Herstellung essenzieller Materialien zur Verfügung zu stellen. Hierzu gehört die nachhaltige Produktion energieintensiver Produkte wie grünes Eisen und Stahl, Aluminium, Silizium und Ammoniak, Güter, die Australien in hohem Maße exportieren würde. Forscher:innen auf dem fünften Kontinent sehen dabei wirtschaftliche Chancen, die das Ausmaß der traditionellen Exporte fossiler Brennstoffe bei Weitem übertreffen. Die Erlöse aus grünen Exporten könnten die Erträge aus Kohle und Gas um das Sechs- bis Achtfache übersteigen und Australien könnte innerhalb von zehn Jahren China als zweite Cleantech-Supermacht nachfolgen.
Deutschland hat übrigens das gleiche „Problem“ wie die Aussies (zu viel Solarstrom am Mittag). Die Bundesregierung könnte ebenfalls Strom verschenken, um negative Strompreise zu verhindern, die Wirtschaftsministerin Reiche gerne dafür verantwortlich macht, dass die Erneuerbaren angeblich nicht funktionierten. Dafür bräuchte es nur ein zeitabhängige Tarifsystem, was zwingend die Nutzung digitaler Stromzähler (Smart Meter) erforderte. Doch während diese in Australien längst Standard sind, hinkt Deutschland beim Smart-Meter-Rollout hoffnungslos hinterher.
Die disruptiven Technologien Wind und Sonne überwinden Grenzen und sorgen für Wohlstandsgewinne, auch in Pakistan. Die dortige Energiewende darf als erste wirklich dezentrale Energiewende gelten, bei der keine staatlichen Förderprogramme oder offizielle Einspeisevergütungen vorausgingen. Die billigen Solarpanele werden kurzerhand aus China, dem Nachbarland, herübergeschafft. Eine bahnbrechende Technologie wie Solar überschreitet Ländergrenzen, ermächtigt Unterprivilegierte und sorgt für Zukunftsperspektiven. Technologie könnte kaum politischer sein. Durch die gigantischen Importe von Solarmodulen und Batterien aus China wurden Erneuerbare in Pakistan – innerhalb von Wochen - für breite Bevölkerungsschichten bezahlbar und nutzbar. Mit dem autonomen Solarzubau reagierten die pakistanischen Stromrebellen auf die hohen Strompreise im Netz. Da die Stromtarife des instabilen staatlichen Netzes seit 2021 erheblich angestiegen waren, erwies sich dezentraler Solarstrom als praktischer Ausweg für Haushalte und Industrie. Auch viele Farmer dekarbonisieren gerade ihr Business, indem sie von teuren Dieselgeneratoren auf solarbetriebene Bewässerungspumpen umsteigen.
Wo selbst Darwin irrte und warum die Solarzelle der Grundstein für eine neue Weltordnung sein könnte
Wie positioniert sich die Politik der Bundesregierung gegenüber dem Trend der Energie-Abundanz? Wahrscheinlich hat es noch keinen dreisteren Akt volkswirtschaftlicher Selbst-Sabotage gegeben als den von Katherina Reiche in den vergangenen Monaten - direkt aus dem Wirtschaftsministerium heraus. Die neu-reaktionäre Energiepolitik der Merz-Regierung möchte die veraltete fossile Energieindustrie vor dem perfekten Sturm des Megatrends erneuerbare Energien bewahren, der aber nicht aufzuhalten ist, wie selbst Donald Trump gemerkt hat.
Während das Silicon Valley von disruptiven Innovationen schwadroniert und in Wahrheit Staat und Gemeinschaft aushöhlen möchte, wird der Boom der Erneuerbaren immer mehr zum politischen und ökonomischen Gamechanger. Der ansonsten hochgradig visionäre Charles Darwin ging im 19. Jahrhundert noch davon aus, dass Feuer (Wärme, Stahlproduktion) und Sprache die anthropologischen Grundkonstanten darstellen. Erfreulicherweise irrte Darwin hier. Heute leben wir in einer technologischen Realität, in der es einen ganz einfachen und günstigen Weg zu sauberer Energie gibt: eine banale Solarpanele gegen die Sonne zu halten.
Darwin starb 1882, ein Jahr, bevor Charles Fritts die erste nutzbare Solarzelle aus Selen vorstellte. Darwin konnte also die Solarzelle nicht kennen, vom photoelektrischen Effekt, die physikalische Grundlage der Solarenergie, hätte der Universalgelehrte jedoch wissen können, der wurde bereits 1839 von dem französischen Physiker Alexandre Edmond Becquerel entdeckt. Wir müssen kein Erdgas, keine Braunkohle und kein Öl mehr verbrennen. Im 21. Jahrhundert werden wir ohne die Erzeugung von Kohlendioxid (CO2) wirtschaften.
Aber kehren wir kurz noch einmal zurück in den wenig inspirierende politischen Alltag der Bundesrepublik. Gerade versucht die amtierende Wirtschaftsministerin, uns in die Energiesteinzeit zurückzubeamen. Dass sie damit Lobbyinteressen bedient, hat sich herumgesprochen. Aber führen wir uns noch einmal die liederliche Argumentation dafür vor Augen: Niemals laut ausgesprochen und zwischen den Zeilen werden ihre energie-reaktionäre Wendemanöver damit begründet, dass die deutsche Wirtschaft, die deutschen Unternehmer, nicht überfordert werden dürften, dass alles nicht so schnell gehen dürfe...blabla.
Ich würde dem entgegenhalten: Was hilft es, wenn zwischenzeitlich der Planet kollabiert und die hiesigen Unternehmer:innen als Business-Dinosaurier auf der Deutschland-Titanic übrigbleiben - mit veralteten Technologien und kaum weltmarktfähigen Produkten? Tatsächlich ist es so, dass die deutsche Wirtschaft seit Jahren an einem Zuwenig an Veränderung leidet. Während wir uns in Corona-Zeiten (2020-2025) zurecht darüber aufregten, dass Gesundheitsminister Jens Spahn nicht einmal Schutzmasken zu vernünftigen Preisen einkaufen kann, überholte uns China in der Automobilindustrie und im Maschinenbau. So einfach ist das. Niemand braucht diesen „Arbeitgeber-Nanny-State“ des Jahres 2026, in dem die Wirtschaftsministerin das deutsche Unternehmertum vor Transformationsstress bewahrt. Ich zumindest kenne keine Unternehmerin und keinen Unternehmer, der auf diese Weise höchstministrabel betüdelt werden möchte.
Eine postfossile Weltordnung ist möglich, 6 Beobachtungen
Dagegen lehrt uns der gerade vor unseren Augen stattfindende Solarboom einiges über Strategien, wie wir (wir alle, auch die deutschen Unternehmer:innen) die Welt verändern können. Und er lehrt uns einiges über den schwierigen Weg bahnbrechender Innovationen.
1. Carter erkennt das Solarpotenzial – Reagan schützt die US-Ölindustrie... Daryl Chapin, Calvin Fuller und Gerald Pearson entwickelten 1954 an den Bell Laboratories - einer US-Telefongesellschaft - die erste moderne Silizium-Solarzelle. US-Präsident Jimmy Carter erkannte deren visionäres Potenzial und ließ 1979 – nach der Energiekrise - erste Kollektoren auf den Dächern des Weißen Hauses montieren. Anschließend setzte er den National Energy Act in Gang, der unter anderem erste Steueranreize für die Erforschung und Nutzung erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarkraft brachte. Carters Nachfolger Ronald Reagan wusste genau, weswegen er die Solarzellen wieder abbauen ließ, er schützte damit das Geschäftsmodell der US-Ölindustrie.
2. Um den Solarboom zu blockieren, wurde die zersetzende Idee der Fake News geboren... 1979 brach auch ein Forschungsschiff des Ölgiganten Exxon, ausgerüstet mit exzellenter Technologie zur CO2-Messung, auf und lieferte eindeutige Messdaten für den Beweis des menschgemachten Klimawandels. Hätten Politik und Wirtschaft zum damaligen Zeitpunkt sofort Klimaschutzmaßnahmen eingeleitet, wäre die Erderwärmung innerhalb von 30 Jahren zu bewältigen gewesen. Stattdessen waren die deprimierenden Erkenntnisse, die das Forschungsschiff mitbrachte, entscheidender Anlass für den Auftritt einer anderen Geisel der Menschheit, die heute mehr denn je Demokratie und Fortschritt behindert: Desinformation (vgl. Eike Wenzel: „Das neue grüne Zeitalter“, 2021, Bill McKibben: „How we got the Green Deal“. In: Varshini Prakash, Guido Girgenti (Hg.): “Winning the Green New Deal: Why We Must, How We Can”, 2020.). Die Leugnung des Klimawandels steht am Anfang einer reaktionären Bewegung, die mit Donald Trump 2016 das Weiße Haus eroberte.
3. „Too cheap to meter“ – Erneuerbare wecken bei Versorgern die Angst vor dem Kontrollverlust... Gut entwickeltes Trendverständnis in Ländern wie Japan, Italien und Deutschland führte dazu, dass die Solarenergie nach dem US-Aus weiterentwickelt wurde. Schrittweise und in einem produktiven Wechselspiel zwischen wissenschaftlicher Forschung, bürgerschaftlichem Aktivismus, staatlichen Impulsen und hochentwickelter Ingenieurskunst wurde die Solartechnologie immer wirkungsvoller und kostengünstiger, was aktuell dazu führt, dass Solarstrom in einigen Regionen dieser Welt zu bestimmten Tageszeiten so günstig produzierbar ist, dass sich das Anbringen eines Stromzählers häufig nicht mehr lohnt. Die Formel „too cheap to meter“ (bekannt aus der Frühzeit der Atomkraft in England, wo sie Wunschdenken blieb) bedeutet, dass eine Ressource in der Nutzung so günstig ist, dass die Kosten für die Erfassung und Abrechnung des Verbrauchs höher wären als der eigentliche Wert der verbrauchten Ressource.
4. Energiefragen sind Machtfragen par excellence... Der verspätete und verzögert wahrgenommene Siegeszug von Solar sagt also sehr viel aus über das Versagen der Politik angesichts knallharter Lobbyinteressen. Umgekehrt können Energietechnologien wie nur wenig andere Kräfte politische Modernisierung initialisieren. Solarenergie hat seit den 1970er Jahren ein Moratorium des Beschweigens hinter sich, weil sie disruptiv ist - ein ökonomischer und politischer Gamechanger. Energiefragen waren schon immer hochpolitisch, auch wenn wir das gerade in Deutschland lange Zeit nicht wahrhaben wollten. Entscheidungen über ihre Erzeugung, Verteilung und Nutzung beeinflussen Wohlstand, Sicherheit, Umwelt und internationale Beziehungen. Und uns allen ist klar: Ohne Energie läuft kein Smartphone und kein Auto, funktioniert kein Haushalt und keine Fabrik. Ohne Energie ist die Versorgungssicherheit jedes Gemeinwesens unmöglich. Energie ist die Grundlage wirtschaftlichen Handelns und deshalb ein zentraler Machtfaktor nationaler und internationaler Politik. Und seit für uns der Klimaschutz unausweichlich ist, entscheiden Energiefragen über die Zukunftsfähigkeit des planetaren Ökosystems. Fatale Pfadabhängigkeiten bei den fossilen Energieträgern Öl und Erdgas waren ein entscheidender Baustein für das deutsche Exportwunder - und endeten in Putins Ukrainekrieg.
5. „Electrifying everything“ galt lange Zeit als realitätsferne Utopie – jetzt ist sie Realität... Mark Z. Jacobsen, Professor für Bau- und Umwelt-Ingenieurwesen an der Stanford University sowie Direktor des „Atmosphere and Energy Program“ der Universität, gehörte schon immer zu den Oberoptimisten, was den Überfluss an sauberer Energie angeht. Und er hat geliefert, in dem er für 150 Länder Daten modellierte und zeigen konnte, wie man den gesamten benötigten Strom durch Sonne, Wind und Wasser bereitstellen kann. Siehe da, Jacobsen ist derjenige, dessen Vorhersagen der Realität in den letzten zwei Jahrzehnten mit Abstand am nächsten gekommen sind. Dagegen unterschätzten die renommiertesten Forschungsinstitute jahrzehntelang das exponentiale Wachstum der Solarenergie. Der junge Oxford-Philosoph William MacAskill sagt, ohne die Energiewende und den nachhaltigen Solarboom stünden wir technologisch auf dem Stand von 1939 und hoffnungslos der Dynamik des Klimawandels ausgeliefert.
6. Energie-Wohlstand und die Konsequenzen für die Wertschöpfung (vor Ort)... Kostenlose Energiequellen haben wir mit Sonne, Wind und Wasser längst. Die komplett kostenlose Bereitstellung von Energie wird es wahrscheinlich nie geben, denn wir brauchen verlässliche Energienetze für die Daseinsvorsorge und auch Solarenergie lässt sich nicht kostenfrei erzeugen. Die Energiequellen sind theoretisch kostenlos, die Nutzung aber nicht. Die Konsequenzen von struktureller Energie-Abundanz bestünden darin, dass beispielsweise lokale Wertschöpfung ein komplett neues Gewicht bekäme: Wir wären weitestgehend unabhängig von Energieimporten, laufende Energiekosten wären vernachlässigbar. Für junge Unternehmen würden die Eintrittsbarrieren stark sinken, Rechenzentren könnten problemlos vor Ort betrieben werden. Es würde eine 3D-Kultur entstehen: Viele Ressourcen (Metallbau, Wasseraufbereitung, Lebensmittelproduktion) ließen sich vor Ort vorhalten. Extrem günstige Energie würde schließlich auch zu schnelleren Innovationsprozessen bei Technologien führen, die momentan noch extrem teuer sind. Zu nennen sind hier wichtige Technologien wie Meerwasserentsalzung und grüner Wasserstoff. Vor Ort würden dadurch natürlich auch neue Arbeitsplätze entstehen: insbesondere im Energiesektor und bei Zukunftstechnologien.
Fazit
Energie-Abundanz wird zu einem realistischen Szenario. Die Potenziale einer Zukunftsökonomie, die nicht mehr mit Energieknappheiten kalkulieren muss, sind enorm. Die transformative Kraft, die von Energie-Abundanz ausgehen würde, lässt sich mit der transformativen Wirkung des Internets oder der ersten Industriellen Revolution durch Dampfmaschinen und Elektrizität vergleichen. Selbstverständlich bräuchte es dafür einen institutionellen politischen Rahmen, um nicht zuletzt Rebound-Effekte zu verhindern.
An den technologischen Voraussetzungen mangelt es uns nicht. Uns rennt die Zeit davon. Denn wenn wir beim wichtigsten Problem, vor dem die Menschheit steht – der raschen Erderwärmung – wirklich etwas bewirken wollen, dann müssen wir das sehr schnell tun; schneller, als es die bewährten Marktkräfte von selbst bewirken würden. Auf die deutsche Wirtschaftsministerin können wir dabei nicht zählen. Katherina Reiche ist in diesem Spiel, in dem es um unsere Zukunft geht, die dunkle Macht.
