Wir erleben keine Energiekrise, sondern eine Krise der fossilen Energiewirtschaft. Elektronen verdrängen die fossilen Moleküle. Der Electrostate verspricht Zukunft, Resilienz und Autonomie. Doch die aktuelle BundesNegierung möchte ein abhängiger Petrostate bleiben.
Cleantech-Aktien outperformten 2025 um Längen den Nasdaq 100 und S&P 500. Zwischen 2021 und 2023 sparten britische Konsument:innen 70 Milliarden Britische Pfund, weil Windenergie im königlichen Strommix die klimaschädliche Gasproduktion ersetzte. Selbst unter der rechtspopulistischen Trump-Administration gibt Gas in den USA als Stromerzeuger Marktanteile an Wind und Solar ab. China wird der erste Electrostate: Dort wurden im Dezember 2025 dem Stromnetz mehr Batteriekapazitäten hinzugefügt als in den USA im ganzen Jahr 2025 (65 Gigawattstunden). Mittlerweile verkauft China 42 Prozent aller Pkws weltweit, 2000 waren es gerade einmal 3,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum schrumpften die Pkw-Exporte USA von 29 Prozent auf 13 Prozent. Auch hier übernehmen die Elektronen die Macht: Mehr als die Hälfte der chinesischen Autoexporte sind bereits elektrisch.
Petrostate oder Electrostate?
Der Trend zeichnete sich in den 2010er Jahren ab und hat sich weiter beschleunigt: Elektrizität ist die am schnellsten wachsende Energieform weltweit und lässt Öl, Gas und Kohle seit 2020 deutlich hinter sich. Das ist erfreulich und eine Grundvoraussetzung für die Dekarbonisierung der Industrien und unserer gesamten Wertschöpfung bis 2050.
Der Weg in diese dekarbonisierte Wertschöpfung, die geostrategische Unabhängigkeit und Krisenresilienz verspricht, ist damit geebnet. Vereinfacht gesagt, verlassen wir in Europa gerade die Ära der Moleküle und treten ein in die Ära der Elektronen. Erdölmoleküle sind politisch, Elektronen sind ebenfalls politisch. Importierte Moleküle halten uns seit gut einem halben Jahrhundert in industriepolitischer Abhängigkeit gefangen. Dagegen müssen Elektronen nicht importiert werden, die Wertschöpfung findet mehrheitlich vor Ort statt, was der Wirtschaft Robustheit verleiht.
Statt Spritgeld: Tickets ins Cleantech-Ökosystem
Doch was tut unsere BundesNegierung? Sie lässt sich zu offensichtlichen Logikfehlern hinreißen und verbrennt Geld - was sie um keinen Preis aufgeben möchte, ist die Pfadabhängigkeit von den Fossilen. Ob das Benzin durch den Tankrabatt wirklich billiger wird, ist alles andere als sicher. Substanziell Preissenkungen sind bei der momentanen geopolitischen Lage einfach nicht zu erwarten. Doch dadurch wird der Staatshaushalt mit 1,3 Milliarden Euro belastet. Geld, das besser angelegt wäre für die Förderung der Heizungsumstellung auf Erneuerbare Energien oder die Kaufunterstützung für sozial Schwächere, die sich gerade keine E-Auto leisten können.
Das würde vielen Menschen unmittelbar helfen, auf niedrigere Heiz- und akzeptable Fahrtkosten zu kommen und ihnen ein Einstiegsticket in das elektrifizierte Cleantech-Ökosystem liefern. Mit dem kleinen Nebeneffekt: der Produktionshochlauf der E-Mobile von VW, Daimler etc. würde massiv unterstützt.
Elektrizitäts-Weltmarktführer China produzierte 2040 sage und schreibe 40 Prozent mehr CO2-neutrale Elektrizität als die USA und Europa zusammen, (insgesamt 10.000 Terawattstunden). Die Signale sind eindeutig: China ist auf dem Weg zu einem dominanten Electrostate und wird davon nicht mehr abweichen. Mit dem Green Deal der EU haben wir uns ebenfalls zu konsequentem Klimaschutz und Souveränität-Energie bekannt. Das ist die richtige Wahl (vor allem im Sinne kommender Generationen), bringt aber auch radikale Umgestaltungsmaßnahmen in der Wertschöpfung mit sich.
Konkurrenz und Kooperation mit China
Die Herausforderung, die wir zu bewältigen haben: der klimaschonende Electrostate resultiert in einem neuen Wirtschaftsmodell, das mit dem Electrostate China konkurriert, und das heißt: mit niedrigen Löhnen, billigeren Fertigungsmöglichkeiten, günstigen Strompreisen und einer aggressiven Industriepolitik seitens der chinesischen Regierung. Wie Konkurrenz und Kooperation mit dem autokratischen Riesenreich aussehen werden, dafür müssen wir jetzt die Grundlagen schaffen.
Was braucht der Electrostate EU? Autonom und gegenüber Energiekrisen abgesichert wird die EU, wenn sie sich nicht mehr über prekäre Öl- und Gasreserven definiert - und stattdessen
• seine industriellen Fertigungskapazitäten erneuert
• Stromnetze konsequent ausbaut
• Lieferketten zügig modernisiert
• den Strompreis niedrig hält (aktuell 20 Prozent niedriger als 2021!)
• die Industrie Batterien, Solar und Elektroautos fertigt
• Lithium und Kupfer als sichere Reserve vorhält
Geopolitisch, das ist klar, entsteht dadurch ein komplett neues Spielfeld! Ein Electrostate setzt auf Technologievorsprung, Verarbeitung und modernisierungsfähige Industrien. Das ist der Weg vom 20. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert. Industrie-Größen wie die EU, Japan und Südkorea, die nur auf wenige Rohstoffe in ihren Ländern zurückgreifen können, eignen sich besonders gut als Electrostates.
Vertikale Integration macht aus Europa einen modernen Electrostate
Was wir in Europa jetzt unbedingt in die Wege leiten sollten, berührt einen der entscheidenden Wettbewerbsfaktoren der kommenden Jahre: Wir sollten - analog zu den Innovationsmodellen in China - an der vertikalen Integration der Wertschöpfungsketten arbeiten. Heißt: In China befruchten sich die Technologien, die in den Sektoren Strom, Mobilität, Wärme, Kreislaufwirtschaft und KI entwickelt werden, bereits in hohem Maße.
Was passiert dann mit den US: Wird das Land ein Petrostate und rückt ein in die Riege autoritärer Fossil-Dinosaurier. Tatsächlich strebt Trump die Rolle des Nettoexporteurs von fossilen Energien an. Doch trotz aller Zerstörung und Chaos-Politik geht auch in den USA die Energiewende weiter. Und als resilienter Megatrend wird sie auch in den USA weiter den Energiemarkt transformieren. In den USA sind die Investitionen in den Stromnetzausbau seit 2020 um 60 Prozent angestiegen. Schneller als in China und der EU (zurückzuführen natürlich auch auf den KI-Boom).
Reiches absurde Maßnahmen machen für die fossilen Dinosaurier Sinn
Angela Merkel war eine gespaltene Persönlichkeit beim Thema Energiewende. Sie handelte für ihre Verhältnisse impulsiv bei der Abschaffung der Kernkraft, was ihr von Experten, die ausdrücklich wie Fatih Birol die Energiewende unterstützen, vorgeworfen wird. Bei der Durchsetzung der Energiewende verhielt sie sich zögerlich, wollte offenbar auf Sicht fahren, spielte damit aber das Spiel der Gas- und Erdöllobby (zu der ja auch Putins Russland und Gas-Bro Gerhard Schröder zählt). Was Wirtschafsministerin Reiche heute tut, ist komplett verantwortungslos und sinnwidrig, beruft sich aber auf eine jahrzehntelange Tradition konservativ-liberaler Energiewende-Negierungspolitik.
Das subtile Dissen der Energiewende von Merkel bis Reiche richtet erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden an. Bei Merkel waren das u.a. die folgenden fragwürdigen Maßnahmen: Abschaffung der Biokraftstoffe 2007, Agrardieselsteuerbefreiung der Landwirtschaft, 2012 Drosselung des Solarausbaus und der Biogasnutzung, 2018 Drosselung von On- und Offshore-Windausbau, schließlich bis Ende der Merkel-Ära: Verhinderung des Energiespeicherausbaus.
Fazit: Kein billiges Öl, nirgends
Es dürfte allen klar sein, dass die amtierende BundesNegierung, angeführt von der Wirtschaftsministerin, zum skizzierten Zukunftskurs nichts beiträgt. 2025 war das Jahr, in dem weltweit mehr in Elektrizität als in fossile Energien investiert wurde. Seit mittlerweile vier Jahren verdienen die Banken mehr mit Cleantech als mit fossilen Energien. Auch hier haben wir einen Fossil-Peak erreicht. Die unstrukturierte Koalition führt Merkels Kurs weiter.
Erdöl und Erdgas werden durch den Iran-Krieg und die Hormus-Blockade auf unabsehbare Zeit knapp und teuer bleiben. Auf das Resilienz-Modell und die Freiheitsenergie eines Electrostates zu setzen, ist für Deutschland und die EU systemwichtig.
