SocialMedia haben dem Journalismus das Kapital entzogen und Desinformation an die Stelle von Information gesetzt. Die gesellschaftlichen Verwerfungen wurden schnell in Polarisierung und Hate Speech spürbar. Schaffen wir jetzt endgültig den Journalismus ab, wenn Berichterstattung vor allem für die KI-Maschine stattfindet. Oder wächst hier ein neues Geschäftsmodell?
Daten allein repräsentieren nicht die Realität. Informationen allein auch nicht. Daten respektive Informationen führen auch nicht zwangsläufig in das Reich der Wahrheit, Klarheit und Faktizität. Ganz im Gegenteil, die Hexenverfolgungen des Mittelalters basierten in erster Linie auf toxischen Informationen. Und sie wurden, wie der Historiker Yuval Noah Harari nachweist, entscheidend durch die massenhafte Verbreitung von Heinrich Kramers Buch „Hexenhammer“ (1486) ausgelöst (sind also ein Ergebnis des ach so fortschrittlichen Buchdrucks).
KI ist datenhungrig – Wahrheit spielt keine Rolle... Im Zeitalter der Large Language Models (LLM), die in vielen Kontexten mittlerweile verallgemeinernd als KI bezeichnet werden, sind das wichtige Unterscheidungen. Denn LLMs wie Chat-GPT sind süchtig nach Informationen, die sie in Form von Daten verarbeiten. Die selbstlernenden Modelle sind aber keinesfalls hehren Begriffen wie Wahrheit und Sachhaltigkeit verpflichtet. Und weil das so ist, liebt die KI eine Diskussionsplattform wie Reddit. Reddit-Inhalte und Inhalte ähnlicher Plattformen wie Quora, Lemmy oder das deutsche pr0gramm sind für die KI ein unschätzbar wertvolles Gut, eine Schatzkammer der Gespräche und Meinungen, der Vermutungen und Verschwörungserzählungen. Hier tauschen sich Kenner und Scheinexperten vieler Themen aus, etwa zu Finanzen, Flugmeilen oder Cholesterinstörungen etc.. Was die KI auf Reddit erntet, sind also keineswegs nur hochwertige Informationen, sondern in Daten erfassbares Rauschen, Meinen und Mutmaßen.
„Trübe Daten“ verkaufen sich besser als die „New York Times“... Für dieses trübe Gemisch aus Mythen, Meinungen und Erzählungen zahlen die großen KI-Anbieter ordentlich Geld. Das führt dazu, dass Reddit bei einer vergleichbar großen Datenmenge siebenmal so hohe Lizenzeinnahmen wie die „New York Times“ erzielt. 2024 waren es 70 Millionen US-Dollar, die OpenAI, das Unternehmen hinter Chat-GPT, für Mythen und Rauschen an Reddit überwies. Und Sam Altman, Boss von OpenAI, ist bekanntlich Aktionär von Reddit.
Offenbar ändert sich gerade wieder einmal das Geschäftsmodell der Medien.
Bei der ersten Medien-Disruption wurde Information durch Desinformation ersetzt... Im Jahr 2001 zeichnete sich angesichts von Auflagen- und Anzeigenrückgängen bei den Printmedien ab, dass immer mehr Menschen das (kostenlose) Internet zu Informationszwecken nutzen. Die Anzeigenmärkte verlagerten sich kurze Zeit später ebenfalls ins Internet, womit die zwei Säulen des Geschäftsmodells der Printmedien (redaktionelle Inhalte und Anzeigen) vom Internet und später insbesondere von Google (Suchmaschinenmarketing) und den SocialMedia verdrängt wurden. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis sich die Verlage auf den Megatrend der Digitalisierung einstellten, was viele Verlage und Medienhäuser in die Knie zwang, zu heftigen Qualitätseinbußen in der Berichterstattung führte, und große Teile des Printjournalismus zerstörte.
Krawall-Algorithmen spalten Gesellschaften und zertrümmern Geschäftsmodelle... Spätestens seit dem US-Wahlkampf 2015/2016, der in den USA den Rechtspopulisten Donald Trump an die Macht spülte, müssen wir davon ausgehen, dass für viele Menschen weltweit Information durch Emotion und Desinformation in den SocialMedia ersetzt wurde. Damals begannen Meta/Facebook und YouTube (Google), ihre Algorithmen in Richtung Nutzerengagement zu optimieren, was zu Polarisierung und Hasskommunikation führte. Facebook verschaffte sich mit der Optimierung von Traffic und Hate Speech ein sensationell erfolgreiches Geschäftsmodell; 97,8 Prozent (!) des Umsatzes macht der Aufmerksamkeitskonzern mit dem Verkauf von Online-Werbung, das heißt, mit der Steuerung von Nutzer:innenverhalten. Und seitdem, das stellen die Analysten von Statista fest, schrumpften die Werbeeinnahmen von US-Zeitschriften von zehn Milliarden US-Dollar (2017) auf prognostizierte 4,3 Milliarden US-Dollar (2025). Social-Media-Werbung verzeichnete im Gegensatz dazu einen rasanten Anstieg. Weltweit werden die Ausgaben hierfür im Jahr 2025 rund 276,7 Milliarden US-Dollar erreichen, was ein Allzeithoch darstellt.
Zwei Schlussfolgerungen drängen sich hier auf: 1. Seit Mitte der 2010er Jahre fand eine dramatische Aufmerksamkeitsverschiebung von den klassischen Medien in Richtung SocialMedia statt, was zu Hasskommunikation, gesellschaftlicher Polarisierung und einem Rechtsruck in vielen Ländern (USA, Osteuropa, Brasilien, Myanmar) führte. 2. Zugleich machte die Umstellung des Algorithmus Meta/Facebook reich und einflussreich, förderte den zersetzenden Umgang mit Wissen (Desinformation) und zerstörte das Geschäftsmodell insbesondere von Print.
Und jetzt erleben wir die nächste dramatische Disruption im Umgang mit Wissen und Information.
Lokaljournalismus als Kraftfutter für KI... Für das Training von KI-Modellen sind diese in der Regel ungeprüften und von Wahrheitsansprüchen befreiten Daten enorm wichtig – Hauptsache, sie enthalten irgendetwas Neues, bisher Ungesagtes, auch wenn es der größte Unsinn ist (was ich der Diskussionsplattform Reddit nicht unmittelbar unterstelle). Dahingegen finden sich in der „New York Times“ viele verifizierte Informationen, die auch andere Zeitungen in ähnlichen Formulierungen anbieten. Folgende Überlegung drängt sich dabei auf: Vielleicht sollten sich die digitalen Verleger der Zukunft künftig verstärkt auf die Einzigartigkeit einer Datenproduktion konzentrieren, wie sie im Lokaljournalismus und bei hochspezialisierten Fachmagazinen stattfindet. Das hat zwar nichts mehr mit journalistischen Grundprinzipien wie Relevanz, Wahrheitsbezug und Einordnung zu tun, liefert aber Futter für die selbstlernenden Sprachmodelle.
Eine dystopische Phantasie, wie ich finde, da auf diese Weise Journalismus nicht mehr für mündige Bürger:innen gemacht wird, sondern den Verwertungsinteressen der großen KI-Maschine dient.
KI-Tantiemen schlagen Online-Werbung... Nicht zufällig verfolgt Matthew Prince, der Gründer von Cloudflare, eine solche Idee. Cloudflare schützt Websites wie Online-Shops, Nachrichtenportale und Social-Media-Plattformen vor Angriffen und sorgt zugleich dafür, dass legitime Anfragen so schnell wie möglich ankommen. Das Interessante: Prince und seine Frau sind gleichzeitig die Besitzer des „Park Record“, einer Lokalzeitung in ihrer Heimatstadt Park City, Utah. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, kauften sie das Blatt 2023 aus Überzeugung und führen es als gemeinnütziges Unternehmen. Tatsächlich verdient das Lokalblättchen mit der Lizenzierung seiner Inhalte an KI-Firmen mittlerweile fast mehr als mit digitaler Werbung.
Aus Prince‘ Mund hört sich diese schöne neue Welt der Medien ganz gut an: Wer das beste Restaurant in Park City kennt, die örtlichen Schneebedingungen, das aktuelle Konzertprogramm o.ä. – der liefert Informationen, die kein Algorithmus aus anderen Quellen zusammensetzen kann. Lokales Wissen, das im alten Medienmodell nur für einen sehr begrenzten Kreis an Menschen, Institutionen und Unternehmen wichtig war, könnte so künftig zu den begehrtesten Datensätzen der KI-Ökonomie gehören.
Wer beliefert künftig die KI-Sprachmodelle?... Aber rettet das wirklich die Verlage und Medienhäuser? Ein neuer Markt für KI-Inhalte könnte in dieser Form durchaus entstehen, doch dafür müssten die Medienhäuser ihr Geschäftsmodell radikal umbauen. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass währenddessen längst neue Anbieter auftreten werden und den „Datendienst“ für die KI übernehmen. Verleger und IT-Sicherheitsspezialist Prince bleibt optimistisch. Auf diese Weise könnten Medienhäuser mit einem neuen Produkt handeln, das im eigentlichen Sinne kein Journalismus mehr ist, keinem Wahrheitsanspruch und nicht dem geringsten Maß an Sachhaltigkeit verpflichtet sein muss, jedoch im KI-Zeitalter einen hohen Verkaufswert hat. Google und andere KI-Anbieter können diese Daten nicht künstlich herstellen, erklärt Prince. Donald Trump, der große Desinformator, würde das sicherlich auch begrüßen. Mit welchem Produktversprechen Tageszeitungen dann weiter ihr Stammgeschäft betreiben, kann Prince indes nicht beantworten.
