Wir erleben eine globale Intelligenz-Krise. Wissen ist plötzlich keine knappe Ressource mehr, sondern im Übermaß vorhanden. Das hat erhebliche gesellschaftliche, ökonomische und psychosoziale Folgen.
Noch immer sind wir ein gutes Stück davon entfernt, zu einer Gesellschaft der Desinformation und der einfachen Wahrheiten zu werden. Zugleich bedeutet die ungebremste Produktion von Wissen durch Künstliche Intelligenz (KI) nicht mehr, dass wir durch Wissen zwangsläufig Modernisierungsgewinne erzielen, die Wirtschaft brummt und wir uns zu einer besseren Gesellschaft entwickeln. Wir möchten in diesem Post darauf hinweisen, dass Wissen durch Künstliche Intelligenz und KI-Agenten wie Claude in unserer Gesellschaft seinen Ort wechselt und uns zwingt, Wirtschaft und Gesellschaft neu zu organisieren.
Vorsicht, das Wissen der Zukunft wird von "Aliens" produziert... Was sich auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch anhört, sollten wir vor dem Hintergrund betrachten, dass die Allgegenwart von KI ganze Branchen und Firmenimperien dysfunktional erscheinen lassen und gut ausgebildete Fachkräfte schon bald beschäftigungslos machen könnte. Was charakterisiert diese KI? Zuerst einmal, dass sie eigenständig Verknüpfungen herstellt und Entscheidungen trifft, die kein Individuum auf der Welt zu reproduzieren imstande ist. Vielleicht sollten wir deshalb auch, wie Yuval Harari in seinem Buch "Nexus" vorschlägt, nicht von „artificial“, sondern von „alien intelligence“ sprechen. Diese Intelligenz ist – noch einmal Harari – tendenziell demokratiegefährdend, weil sie nicht von Menschen verstanden und ab einem gewissen Punkt nicht mehr korrigiert werden kann.
"Zug 37": KI-Wissen findet Lösungswege, die menschliches Denken nicht durchschaut... Mustafa Suleyman, Co-Gründer von Googles Deepmind-Projekt und mittlerweile CEO von Microsoft AI, sagte, nachdem AlphaGo 2016 als erstes Programm einen Go-Profi (Lee Sedol) besiegt hatte: „Früher konnten Erfinder erklären, warum sie etwas taten und was sie anders machten. Das ist ab jetzt nicht mehr möglich, denn KI arbeitet auf einem Komplexitätsniveau, das ein Individuum grundsätzlich nicht mehr nachvollziehen kann.“ (s. Suleyman, "Coming Wave", S. 80) In Spiel zwei zwischen AlphaGo und Lee Sedol machte AlphaGo einen – in der Wahrnehmung der Experten – absurden Fehler. Doch der scheinbar fehlerhafte 37. Zug führte schließlich zur Niederlage von Sedol. Das Bemerkenswerte: Keiner der menschlichen Experten konnte Zug 37 nachvollziehen, trotzdem führte er zum Sieg. Offenbar hatte die KI in dem komplexen Spiel Go eine strategische Idee entwickelt, die kein menschliches Hirn nachvollziehen konnte, und schließlich zum Sieg führte. KI hatte offenbar Lösungswege gefunden, die für Menschen nicht vorstellbar sind. Das heißt, KI löste ein Problem, dessen Lösungsweg humanes Denken nicht durchschaut. KI verfügt über ein „alien“ Intelligenzpotenzial, das von Menschen nicht beherrschbar ist und dessen Folgen unkalkulierbar sind.
Disruptionspotenzial von KI löst "Scare Trading" an der Börse aus... Zurück in die Gegenwart. Seit einigen Monaten beginnt KI, Schlüsselindustrien (Cloud, SaaS, Halbleiter, Zahlungssysteme, e-Commerce, Consulting) zu transformieren. Das steckt hinter dem unoriginellen Begriff KI-Disruption, der gerade trendet. Längst reagieren die Analysten an den Börsen auf „AI Scare Trading“ und regelmäßige Abstürze von Softwareaktien. Ende Februar trug ein alarmistisches Zukunftsszenario entscheidend dazu bei, dass eine Aktie wie IBM in den Keller stürzte, der höchste Tagesverlust seit dem Jahr 2000.
KI zerbröselt das westliche Geschäftsmodell der vergangenen 50 Jahre... Die Marktexperten von Citrini nennen ihr fiktives Zukunftsszenario, in dem sie aus dem Jahr 2028 auf die Gegenwart zurückblicken, „The 2028 Global Intelligence Crisis. A Thought Exercise in Financial History from the Future“. Sie argumentieren in markigen Worten: „Es hätte von Anfang an klar sein müssen, dass ein einzelner GPU-Cluster in North Dakota, der die Leistung von zuvor 10.000 Büroangestellten in Midtown Manhattan erbringt, eher eine wirtschaftliche Pandemie als ein Allheilmittel darstellt.“ Die Schlussfolgerungen in ihrem Zukunftsszenario klingen sarkastisch, sind aber leider auch äußerst realitätshaltig. Die durch KI verursachte Wissens- und Intelligenzkrise stellt unsere Mittelschichts-Konsumkultur in Frage: „Die konsumorientierte Wirtschaft, die (bislang) 70 Prozent des BIP ausmachte, verkümmerte. Wir hätten das wahrscheinlich früher herausfinden können, wenn wir einfach gefragt hätten, wie viel Geld Maschinen für Konsumgüter ausgeben. (Kleiner Tipp: Es ist null.)“
"Überbordendes Wissen" stellt den Konsumkapitalismus in Frage... Was hat das mit dem Projekt der Wissensgesellschaft seit den 1980er Jahren zu tun? Bislang galten Wissen und Intelligenz als knappes Gut, das zeit-, kapital- und personalaufwändig von Universitäten, Schulen, Verlagen, Medienhäuser etc. entwickelt wurde. Hervorragend ausgebildete Mitarbeiter:innen zu bekommen - war for talents - und Fortschritte in der Computertechnologie galten seit dem Ende des 2. Weltkriegs als stabiles Fundament für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Die klügsten Köpfe waren eine dauerknappe Ressource. In „Das Ende der Illusionen“ beschrieb der Soziologe Andreas Reckwitz 2019 als neue Mittelschicht und damit als neues Rückgrat der Gesellschaft - eine urbane, bestens ausgebildete Akademikerklasse. Sie siedelten sich vorzugsweise in Metropolen an und leben einen kosmopolitischen, auf Selbstverwirklichung ausgerichteten Lebensstil. (Nebenbei bemerkt, hat Reckwitz diesen Wandel zwar treffend beschrieben. Leider aber verabsolutiert er die neue Mittelschicht und baut seine gesamte soziologische Beobachtung auf ihnen auf, was in der Folge zu merkwürdig verkürzten und entpolitisierten Zeitdiagnosen führte).
Die "Spirale der Intelligenzverdrängung" verteilt Reichtum neu... Wir als hochqualifizierte Wissensarbeiter profitieren bis heute von Digitalisierung, Computerisierung und Globalisierung.Folgt man der Citrini-Analyse, könnte das „Intelligenzpremium der obersten zehn bis 20 Prozent“ unserer Gesellschaft aufgrund der sich abzeichnenden „Spirale der Intelligenzverdrängung“ durch den Siegeszug der KI schon in nächster Zeit wegfallen.
Doch auf einmal ist alles anders.
Claude Code ersetzt Software per Knopfdruck... Fortan sollten wir von einer Situation „überbordender Intelligenz“ durch maschinell generierte künstliche Intelligenz reden, die menschliche Wissensarbeiter immer weniger braucht und ihnen damit in der Gesellschaft ebenfalls einen neuen Ort zuweist. Maschinen erweisen sich als lernfähig und beginnen zu denken und eigene Entscheidungen zu treffen. Wofür dann noch Mitarbeiter, wofür dann überhaupt noch Wissenserwerb und Ausbildung? Die Experten von Citrini gehen in ihrem Szenario davon aus, dass „ein kompetenter Entwickler, der mit Claude Code oder Codex arbeitet, demnächst wahrscheinlich die Kernfunktionalität eines mittelständischen Cloudsoftware-Produkts (SaaS) innerhalb weniger Wochen nachbauen kann. Nicht perfekt und nicht mit allen Sonderfällen abgedeckt, aber gut genug, dass der CIO eines weltführenden Softwareunternehmens, der gerade eine jährliche Vertragsverlängerung von 500.000 US-Dollar prüft, sich fragt: ‚Was wäre, wenn wir das einfach selbst entwickeln würden?‘“
Arbeitsmarkt, Steuern, Kredite - KI kümmert sich nicht um bestehende Institutionen... Machen wir uns außerdem klar, dass innerhalb der Koordinaten der Wissensgesellschaft der vergangenen 50 Jahre systemrelevante Institutionen wie der Arbeitsmarkt, der Steuersektor und der Kreditsektor direkt an die Wohlfahrt der postindustrielle, technologieorientierte Wissenselite geknüpft waren. Durch automatisiertes Wissen könnte die Binnennachfrage massiv einbrechen: In den USA, in denen Ungleichheit stärker fortgeschritten ist als in Deutschland, sind die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung für mehr als 50 Prozent des Konsums verantwortlich. Und Konsum macht rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. 80 Prozent der Wertschöpfung in den Vereinigten Staaten besteht aus Dienstleistungen, in Deutschland sind es 70,7 Prozent. Ein Großteil davon sind wissensorientierte Dienstleistungen.
Unternehmen reagieren rational auf KI - das Resultat sind Beschäftigungsverluste... Um es richtig einzuordnen. Der Blogpost von Citrini ist keine weitere Anklage gegenüber verschlafenen oder erfolgsverwöhnten Branchen. In den vergangenen vier bis fünf Jahren war die Reaktion jedes einzelnen Unternehmens auf die selbstlernenden Sprachmodelle (LLM) absolut rational. „Doch das kollektive Ergebnis war katastrophal. Jeder eingesparte Dollar an Personalkosten floss in KI-Kapazitäten, die die nächste Entlassungsrunde erst ermöglichten.“
Wer konsumiert in der posthumanen Arbeitswelt?... Die möglichen, oder besser: wahrscheinlichen Konsequenzen werden von Citrini auch auf der Ebene alltäglicher Details realistisch durchdekliniert: „Ungefähr ab 2027 ist die Nutzung von AKI alltäglicher Standard. Menschen nutzten KI-Agenten, ohne überhaupt zu wissen, was ein KI-Agent ist – ähnlich wie Menschen Streaming-Dienste nutzten, ohne je etwas über Cloud Computing gelernt zu haben – etwas, das unser Smartphone nun einfach beherrscht.“ Softwareexperten fragen sich deshalb weniger, wann die Blase der KI-Infrastruktur platzt. Sie fragen sich, was mit einer Konsum(kredit)wirtschaft geschieht, wenn Konsumenten in einer posthumanen Wissensgesellschaft durch Maschinen ersetzt werden.
Die Spirale der Intelligenzverdrängung befällt nicht einzelne Branchen... Es hilft uns auch nicht weiter, wenn wir ein Auge zudrücken und die Folgen der KI-Disruption auf die Softwarebranche einzugrenzen versuchen. Wir erleben eine strukturelle Disruption. Es stimmt einfach nicht, dass nur Software- und Beratungsunternehmen unter Druck geraten und der Zahlungsverkehr und andere Dienstleistungen endlich einmal in die Gänge kommen müssen. Unterstützungsdienstleistungen, nützliche Kümmerer-Jobs, Finanzberatung, Steuererklärungen und Rechtsangelegenheiten - jede Kategorie, in der das Wertversprechen des Dienstleisters darin besteht, „Ich kümmere mich um die Komplexität, die du als mühsam empfindest“, erodiert durch KI.
Bewährte Informations-Asymmetrien büßen ihre Geltung ein...Selbst Märkte, die wir aufgrund des Wertes zwischenmenschlicher Beziehungen bisher als für digitale Disruptionen unantastbar ansahen, werden erschüttert. Der Immobilienmarkt, wo Käufer jahrzehntelang Provisionen von fünf bis sechs Prozent aufgrund der Informationsasymmetrie zwischen Makler und Käufer tolerieren, wird in Schwierigkeiten kommen. Warum? Weil KI-Makler in den USA mit Zugang zum MLS-System (eine geschlossene, digitale Datenbank, über die Immobilienmakler ihre Immobilienangebote teilen, um Gemeinschaftsgeschäfte zu organisieren) und Einblick in jahrzehntelange Transaktionsdaten die Wissensbasis in Echtzeit reproduzieren können.
Fazit
Heißt also, wir müssen schnellstens damit beginnen, Wertschöpfung neu zu denken und unseren Wohlstand auf andere Füße zu stellen. Momentan passiert nicht nur "so ein bisschen schöpferische Zerstörung" (die angeblich Teil eines jeden technologischen Innovationszyklus ist). Wir sind mit dem Phänomen der Verdrängung menschlicher Intelligenz konfrontiert. An ihre Stelle tritt "Alien-Intelligenz" aus der Blackbox. Und sie übernimmt jene Aufgaben, die früher von stolzen Akademikern ausgeführt wurden und die Basis unseres Wohlstands schufen. Am Ende droht KI-Disruption gesellschaftliche Aufwärtsmobilität zu ersticken: schließlich können freigesetzte Programmierer nicht einfach ins „KI-Management“ wechseln, denn dazu ist KI längst selbst in der Lage, schlussfolgern die Autoren von Citrini. Aber wie soll eine Zukunftsgesellschaft gedeihen, in der Fortschritte und Innovation nur noch durch Maschinenwissen erzeugt werden? Ist eine moderne Gesellschaft ohne sozialen Aufstieg und menschliche Ambition überhaupt vorstellbar?
