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Welcome to America. Willkommen in der Steinzeit!

shutterstock US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy: Impfskeptiker und Verschwörungstheoretiker
shutterstock US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy: Impfskeptiker und Verschwörungstheoretiker

US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy ist einer der verbissendsten Demagogen im Trump-Team. Aber warum wird ausgerechnet der Kampf um Gesundheit und Ernährung so erbittert geführt? Weil nichts dem Alltag der Menschen näher liegt. Doch die Rechten könnten den Kampf ums Alltägliche verlieren.

 

Genau drei Tage nach Beginn des Jahres 2026 nahm das US-Militär mit Nicolás Maduro einen ausländischen Staatschef fest. Vier Tage später befreite das US-Gesundheitsministerium mehrere langjährige Kriegsgefangene: gesättigte Fettsäuren, Steaks und Milch. Welcome to America!

 

Für martialische Begrifflichkeiten ist die amtierende US-Regierung bekannt. Dass sie selbst auch von Feldzügen auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung spricht, ist ein Zeichen dafür, dass der Kulturkampf auf allen Gebieten des alltäglichen Lebens angekommen ist. Die Rechtsradikalen und Rechtspopulisten denken das so: Politisierung und Polarisierung – Kernbestandteile ihrer Agenda – müssen den Menschen auf den Pelz rücken, am besten unter die Haut gehen. Hehre Begriffe (Freiheit, Wissenschaft, Technologieoffenheit) werden dabei ebenso korrumpiert und ihrer eigentlichen Bedeutung beraubt, wie alltägliche Normen („was ist gesund“, „was ist gesundes Essen“) konterkariert werden. Was liegt also näher, als Gesundheitsversorgung und Ernährung in den Kulturkampf hineinzuziehen. 

 

Kulturkampf heißt: Unter die Haut der Menschen kommen

 

Die USA befinden sich inmitten einer „epistemischen Krise“ („Trump lies, truth dies“), was zu einem Zusammenbruch der „vereinbarten Realität“, des alltagsweltlichen Vertrauens und der Fähigkeit, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden, führt. Das Offensichtliche soll nicht mehr offensichtlich sein, Logik spielt keine Rolle mehr, wissenschaftliche Evidenz und Kausalität wird in Frage gestellt. Damit lassen sich verunsicherte Menschen manipulieren – und vor allem: apathisch machen, weil sie nicht mehr verstehen, was wahr und was falsch, was gut und was böse ist. So funktioniert Ideologie im 21. Jahrhundert. Rechtspopulistische Demagogie möchte unsere Wahrheitsmodelle zerstören, alltägliche Selbstverständlichkeiten und Realitätsgewissheit ins Wanken bringen. 

 

US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy ist einer der aggressivsten Kreuzritter des amerikanischen Kulturkampfes. Ihm ist es völlig egal, dass die Vereinigten Staaten aktuell ein 30-Jahres-Hoch bei Masern erleben und ihren Status als masernfreies Land verlieren werden. Die Epidemie begann mit einem Ausbruch in Westtexas , mittlerweile werden Infektionen in neun Bundesstaaten gemeldet und Hunderte befinden sich aufgrund eines starken Anstiegs in South Carolina in Quarantäne .

 

Kennedy ist ein besessener Impfgegner und Anhänger obskurer Verschwörungstheorien. „The Atlantic“ nannte ihn kürzlich „Amerikas wahrem Kriegsminister“. Laut seinem 2021 erschienenen Buch „The Real Anthony Fauci: Bill Gates, Big Pharma, and the Global War on Democracy and Public Health“ geht Kennedy beispielsweise davon aus, dass Anthony Fauci, international angesehener Immunologe und in der Pandemie Berater von Trump, und Bill Gates, Gründer von Microsoft, Mitglieder eines „Impfstoffkartells“ seien, das Patienten durch die Verweigerung von Hydroxychloroquin (Malaria) und Ivermectin (wird bei Tieren gegen Wurmbefall eingesetzt) töten wolle.

 

Unter Kennedys Führung haben US-Beamte den Kreis der für Covid-Impfstoffe in Frage kommenden Personen rigoros eingeschränkt und subtil Verwirrung über die Sicherheit von Impfstoffen gestiftet. Das ist ziemlich beängstigend, angesichts der zunehmenden Fähigkeit von KI-bewaffneten Laien, in ihren Garagen Biowaffen zu produzieren. Es besteht auch die Gefahr, dass dies den Fortschritt bei mRNA-basierten Krebstherapien, die ebenfalls auf Impfstoffen beruhen, verlangsamt. 

 

Vor kurzem hat aufgrund des wachsenden Widerstands gegen Impfungen seitens der US-amerikanischer Behörden der US-Pharmariese Moderna bis auf Weiteres die Investitionen in neue Impfstoffstudien der Phase III eingestellt. „Man kann keine Rendite erzielen, wenn man keinen Zugang zum US-Markt hat“, erklärte Stéphane Bancel, Vorstandsvorsitzender von Moderna. Das Blockieren von Forschung, die gebraucht wird, um schnell neue Impfstoffe herzustellen, macht die USA anfälliger für zukünftige Pandemien.

 

Gibt es weitere Gründe, warum ausgerechnet die Gesundheitsversorgung und Ernährung so knöcheltief in den Kulturkrieg verwickelt wurde? 

 

Tatsächlich hat die Covid-Pandemie die Impfskepsis als zentralen Pfeiler des neuen rechtsgerichteten Gedankenguts in Amerika gefestigt. Das wird nicht nur dazu führen, dass Eltern ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen – es wird auch – zumindest in den USA - den Fortschritt der wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet negativ beeinträchtigen. 

 

Und natürlich möchte die Trump-Administration, dass der Staat nicht so viel für die Volksgesundheit ausgibt. Die USA sind Weltspitze, was Gesundheitsausgaben angeht (18 Prozent des BIP, 5,3 Billionen US-Dollar im Jahr 2024). Gleichzeitig sollen die Erlösquellen der alten Ernährungsindustrie (tierische Produkte) geschützt werden, obwohl mehr als 52 Prozent der US-Verbraucher beispielsweise pflanzliche Alternativen zu Kuhmilch bevorzugen.

 

Postfaktische Ernährungsrichtlinien: Das Ungesunde wird gesund erklärt 

 

Natürlich lässt sich auch Ernährung, nichts liegt menschlichen Grundbedürfnissen näher, hervorragend politisieren. Also „erfindet“ Kennedy neue Ernährungsrichtlinien.

 

Ende 2024 veröffentlichte die Biden-Regierung detaillierte Empfehlungen für neue Ernährungsrichtlinien, die in einem zweijährigen Prozess mit öffentlichen Anhörungen und der Möglichkeit zur Stellungnahme erarbeitet worden waren. Die Trump-Regierung stellte diese Empfehlungen kategorisch infrage und holte in einem schnelleren und weniger transparenten Verfahren Rat von „anderen Experten“ ein. Dabei wurden die üblichen Möglichkeiten zur öffentlichen Stellungnahme vor der Veröffentlichung der Richtlinien nicht berücksichtigt. 

 

Es wurden auch keine Standardverfahren zur transparenten und systematischen Überprüfung von Beweismitteln eingehalten. Einige Teile der neuen Ernährungsrichtlinien weichen so militant und mutwillig von früheren Versionen ab, dass offensichtlich wird, dass die Regierung Wissenschaftler „handverlesen“ engagiert hat, die die obskuren Schlussfolgerungen unterstützen sollen, „anstatt eine neutrale Überprüfung der wissenschaftlichen Erkenntnisse vorzunehmen“, wie Lindsey Smith Taillie, Professorin für Ernährung an der UNC Gillings School of Global Public Health, gegenüber der New York Times forderte. 

 

Mehrere Organisationen wie das „Physicians Committee for Responsible Medicine“, das sich für pflanzliche Ernährung einsetzt, reichte bei der Regierung Beschwerde ein und forderte die Rücknahme der Richtlinien. Die Gründe sind klar: Wenn niemand die Möglichkeit hatte, sich zum Entwurf zu äußern, und niemand außer der Regierung hinter verschlossenen Türen die Möglichkeit hatte, die Richtlinien zu bewerten, kann keine faire und ausgewogene Meinungsbildung gewährleistet werden.

 

Doch diese Politisierung des Alltags könnte sich für Trumps rechtsextreme Regierung rächen. Nach wie vor schießt die Lebensmittel-Inflation ungebremst in den Himmel. Im Jahr 2025 stiegen die Lebensmittelpreise schneller als im 20-Jahres-Durchschnitt: Rindfleisch (bis zu +17 %), Kaffee (+21,7 %), Eier (+10,9 %), Äpfel (+9,6 %) sowie Butter (teilweise um 50 % teurer). Der Begriff der Affordability Crisis hat sich etabliert. Trumps Zustimmungswerte sind historisch niedrig.

 

Fazit

 

Über den beschriebenen Kulturkampf katapultiert sich das reichste Land der Welt zurück ins Mittelalter. Das ist irritierend, aber weltgeschichtlich nicht völlig neu. Manchmal werfen hoch entwickelte Zivilisationen einfach alles weg – nervous breakdown! Ich empfehle hierzu das Buch „Die verlorene Aufklärung“, worin beschrieben wird, wie das goldene Zeitalter islamischer Wissenschaft, Gelehrsamkeit und Literatur (8. bis 14. Jahrhundert) in sich zusammenbrach und Jahrhunderten religiösem Fundamentalismus und Rückständigkeit wich. Ebenfalls gegen Ende des 14. Jahrhunderts, während der Ming- und Qing-Dynastien, wandte sich China von der Erforschung des Weltalls ab, weigerte sich, westliche Technologien zu importieren, und vernachlässigte die Wissenschaft im Allgemeinen - es folgten Jahrhunderte wirtschaftlicher Stagnation und militärischer Schwäche. 

 

Die Gründe dafür: die Angst der Mächtigen vor dem Machtverlust in veränderungsbeschleunigten Zeiten.

 

Kann sich Geschichte wiederholen? Einzelne Ereignisse der Weltgeschichte wiederholen sich nicht. Das steht fest. Doch Strukturen des Niedergangs und der Selbstzerstörung wiederholen sich offenbar schon.